2 Kinder und Habilitationsprojekt

Verfasst von
Anonym

Ich habe zwei Söhne im Alter von 4 und 6 Jahren. Der erste ist während meiner Dissertation geboren, der zweite kam drei Wochen nach der Disputation zur Welt. Derzeit arbeite ich (Historikerin) an meiner Habilitation, die Elternzeiten fielen relativ kurz (6 bzw. 10 Monate) aus.

Hier sind meine wesentlichen Erfahrungen:

1. Elternzeiten von bis zu einem Jahr sind gemeinhin akzeptiert, längere Elternzeiten bzw. echte Halbtagsarbeit im Anschluss hingegen nicht möglich. Zudem habe ich über ein Stipendium promoviert, mit dem Ergebnis, dass ich bei der Elternzeit  meines zweiten Sohnes ganze 300 Euro Elterngeld zur Verfügung hatte. Ohne einen Partner mit Festanstellung in der freien Wirtschaft  hätte das nicht funktioniert, und auch so waren die 10 Monate eine echte Herausforderung.

2. Als ich bei Antritt meiner Stelle an der Universität Zuschüsse für eine Tagesmutter beantragen wollte, bekam ich diese exakt für die im Vertrag stehenden 20 Stunden. Hinweise auf die Überstundenkultur, geforderte Flexibilität und Konferenzbesuche halfen mir nicht weiter. Die Universitäten erklären sich hingegen nicht für zuständig, die geforderte Mehrarbeit durch Betreuungszuschüsse oder ähnliches auszugleichen. Sich in einer KiTa einen Ganztagsplatz von einem halben Gehalt leisten zu können, ist ebenfalls auf Dauer, zumindest bei den ganz kleinen, utopisch. Eine Arbeitszeitreduktion des Partners, wenn in der Wissenschaft nur halbe Stellen zu vergeben sind, ist ebenfalls in der Regel nicht drin. Den Hinweis (und der kam tatsächlich) dann eben nachts zu arbeiten, empfinde ich dann doch als arge Ausbeutung, zumal kleine Kinder nicht unbedingt ruhige Nächte bedeuten. Alternative Kinderbetreuungsmöglichkeiten (Au-pair) scheitern an den Befristungen, da diese in der Regel lange im Voraus geplant werden müssen.

3. Bei Konferenzen und Forschungsreisen gibt es für alles Mögliche Zuschüsse, nicht aber für Kinderbetreuung. Die Zahl der Konferenzbesuche und Forschungsreisen hält sich daher in Grenzen. 

4. Meine Erfahrung ist, dass man in der Wissenschaft schon vorankommt, nur in der Regel langsamer als flexiblere Kollegen – die Publikationsliste wächst langsamer, die Konferenzbesuche und Vorträge sind weniger, die Habil dauert länger, Hausarbeitskorrekturen ziehen sich. Zudem gibt es eine gewisse Zeit nach der Elternzeit, in welcher bei einer halben Stelle eben auch nur halbe Arbeit drin ist (s.o.), die in der Regel von der Lehrverpflichtung aufgefressen wird. Das wird besser, aber die Jahre hat man trotzdem verloren. Der Wahnsinn des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes macht es nahezu unmöglich, die Zeit aufzuholen oder sich dann eben etwas später höher zu qualifizieren. Ich schließe mich daher den anderen Beiträgen an: Es wäre humaner, sich dann einfach mit befristeten Verträgen ganz durchhangeln zu können! Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz gibt den Karrieren gerade der Mütter den Todesstoß!

5. Ein weiteres Problem ist, bei uns aber auch im Bekanntenkreis, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Ballungsgebieten, in welchen sich die Universitäten nun einmal meist befinden. Zahlreiche Wissenschaftseltern pendeln in die Vororte, was die für die Arbeit nutzbare Zeit weiter reduziert (zumal die Kinderbetreuung in den Vororten und Dörfern noch schlechter ist als in den Ballungsräumen). Kinderbetreuungseinrichtungen in der Nähe der Universität zu nutzen und mit dem Kind gemeinsam zu pendeln ist eine temporäre Lösung, die sich spätestens mit der Einschulung erledigt hat.

6. Ein letzter Hinweis noch: Die Probleme der Befristungen, der Überstundenkultur und des elenden Wissenschaftszeitvertragsgesetzes sind nicht nur für Eltern ein Problem, sondern sind voll und ganz auf die Karriere des unabhängigen und gesunden Mannes zugeschnitten. Ich kenne zahlreiche Kollegen (Frauen wie Männer), die Angehörige pflegen – dies ist gemeinhin noch schlechter akzeptiert als die Sorgearbeit für Kinder. Zudem sorgen Krankheiten, Behinderungen oder auch Lebenskrisen, etwa nach dem Tod von Angehörigen, oftmals dafür, dass man eine Zeit lang vielleicht nicht 100%ig flexibel ist. Was die Wissenschaft braucht, ist die Möglichkeit, wie auch immer begründete Auszeiten aufzufangen und die Karriere vielleicht mal eine Weile auszusetzen (wohlgemerkt: nur die Karrierearbeit, nicht die Arbeit, für die tatsächlich bezahlt wird)! Ansonsten läuft die Wissenschaft Gefahr, letztendlich an der Gleichförmigkeit ihrer Mitglieder zu ersticken.

 

 

 

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