Abenteuer bis zur Rente? Über die Arbeit als Wissenschaftlerin

Verfasst von
Anonym

Unflexibel bin ich wirklich nicht. So als Frau auch irgendwie. Obgleich ich eigentlich weder ein risikofreudiger noch ein sonderlich abenteuerlustiger Mensch bin, war ich seit meinem ersten Examen vor nunmehr fast zwanzig Jahren zwei Mal für längere Zeit im Ausland tätig, wechselte meinen Arbeitsplatz mittlerweile insgesamt sieben Mal, war immer nur befristet angestellt, habe nie gewusst (und weiß bis heute nicht), ob ich jemals irgendwo ankomme. Ich arbeite als Wissenschaftlerin.

 

Dennoch habe ich Kinder bekommen, eins während der Doktorarbeit, die ich noch neben Kind und einer neuen Stelle (in einer anderen Stadt selbstverständlich) fertig schrieb. Dieses Kind lebt heute noch dort, wo meine Doktorarbeit stattfand, was gut ist, denn ich habe seither in vier verschiedenen Städten, inkl. Ausland, gearbeitet. Mein zweites Kind ist gerade in die Schule gekommen, es lebt an dem Ort, an dem ich zuletzt in einem (natürlich befristeten) Forschungsprojekt mitwirkte. Dort wird es dann ebenfalls wohnen bleiben, während ich mir eine BahnCard 100 anschaffe, um den 2Std.-Weg zwischen Wohnort und Standort meines neuen Arbeitsplatzes halbwegs kostengünstig zu bewältigen, ohne mir ein teures Zimmer mieten zu müssen.

 

Klingt doch abenteuerlich? Wie auf der Flucht. Stimmt, und es macht ungefähr genauso viel Spaß. Insbesondere die Aussicht, die Odyssee noch weitere 20 Jahre fortzuführen, vielleicht auch länger, falls die Rente nicht reicht, stimmt nicht übermäßig euphorisch. Auch bin ich Hauptverdienerin bzw. es hat seit dem Studium nie jemand für mich gesorgt, um mir eine wissenschaftliche Karriere (was soll das eigentlich sein?) zu ermöglichen. Im Gegenteil: ich muss Geld "ranschaffen", um meine Familie zu ernähren. Deshalb kann ich auch keine langen Arbeitslosigkeitsphasen überbrücken, in denen ich mir selbst Anträge schreibe. Übrigens bin ich in meinem Feld durchaus gut etabliert, ich werde gern zitiert und eingeladen. Nur habilitiert bin ich nicht und ich habe nicht die geringste Lust auf eine Professur.

 

Schön dagegen wäre ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Wer stellt eine flexible, belastbare und erfahrene Mitarbeiterin mit langer Publikationsliste ein? Na, wird schon schiefgehn, gel? Ganz recht. Denn das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt schon seit einiger Zeit meine Einstellung auf eine sachgrundlos befristete Stelle nicht mehr. De facto heißt das: da es praktisch nur befristete Stellen gibt, darf mich keine Institution mehr einstellen, auch wenn sie dies noch so gern möchte. Mein neuer Arbeitgeber konnte mich aus diesem Grund statt für 4 Jahre (wie in der Stellenausschreibung angekündigt) auf 2 Jahre befristet einstellen. Nach Teilzeit- und Befristungsgesetz. Ich kann mir also jetzt schon wieder überlegen, was ich in zwei Jahren mache.

 

Wer nicht so crazy ist, überlegt sich das anders. Und meine Empfehlung wäre, überlegt es euch besser früher als später. Sucht euch eine nette NGO, gründet eine idealistische mittelständische Firma oder geht auf einen Selbstversorgerbauernhof, wenn ihr nicht so gerne für multinationale Konzerne arbeitet, oder mit Autoritäten allgemein Schwierigkeiten habt. Aber für sowas muss man wahrscheinlich flexibel sein.

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