Das war halt irgendwie auch ein schlechter Zeitpunkt für ein zweites Kind.

Verfasst von
Anonym

Promoviert habe ich in Basel/CH, aber die Situation an den Instituten ist mit Deutschland sehr vergleichbar. Im 2. Jahr meiner Promotion (Genetik) wurde ich schwanger. In CH gibt es keinen Mutterschutz vor der Geburt. Ich empfand das auch nicht als schlimm und arbeitete bis zum Tag der Geburt. Das Kind wurde in der Nacht geboren. Ich hatte die gesamte Schwangerschaft ohne Krankschreibung gearbeitet, auch mit giftigen, krebserzeugenden und fruchtschädigenden Chemikalien, natürlich unter extremen Vorsichtsmaßnahmen. Gezwungen hat mich niemand, aber meine Professorin (selbst 2 Kinder) sagte: In meinen Schwangerschaften habe ich alles ganz normal weitergemacht, nur mit Radioaktivität hab ich nicht mehr gearbeitet. 

Ich verstand, was sie mir damit sagen wollte.

3 Tage nach der Geburt gingen wir nach Hause, am nächsten Morgen fuhr ich zu einem Laserschutzseminar, das ich zu absolvieren hatte. Meine Mutter passte auf das Baby auf. Dann wurde das Baby krank und lag eine Woche auf der Intensivstation. Am Tag als wir nach Hause gingen, das Kind war 10 Tage alt, rief meine Kollegin voller Panik an: Die Revision ist da! Du musst kommen! Ich kann das nicht alleine! Du weißt, dass ich die Proteinsachen nicht gut kann! 2 Stunden später stillte ich das Baby in der Besprechung mit der Kollegin und der Professorin. Wir vereinbarten, dass ich in 2 Wochen kommen würde. Als das Kind 4 Wochen alt war arbeitete ich ca. 35h und nahm das Kind einfach mit. Offiziell stieg ich 16 Wochen nach der Geburt ganztags wieder ein. Das Paper wurde bei PNAS (Wissenschaftsmagazin) angenommen, meine Kollegin war Erstautorin.

Fortan beäugte mich meine Chefin extrem kritisch und monierte selbst, dass ich 1x am Tag in meiner Mittagspause 40 statt 30 Minuten Milch abgepumpt hatte. Ich erlebte massive Schikanen, als das Kind einmal 3 Tage lang krank war. Ich wandte mich an die Uni und man teilte mir mit, ich solle einfach mein Ding machen. Sie können da nix tun, wenn die Profs so drauf seien und es wäre sogar schädlich für mich, würde sich die Uni den Prof mal vornehmen.

In den folgenden Jahren arbeitete ich 50 Stunden die Woche allein im Labor, protokollierte sogar genau die Pausen etc. In 2 Jahren sammelte ich 5 Wochen Urlaub an, den ich nicht nahm und der natürlich verfiel. Ich war keinen Tag mehr krank, arbeitete an 48 Wochenenden im Jahr täglich wegen allerlei Zellkulturexperimenten. Ich erntete viel Lob. Und ich war weder überfordert noch von schlechtem Gewissen geplagt. Im Gegenteil - Promotion und Kind ging wunderbar zusammen.

Dann kam das Ende der Promotion. Ich besprach noch vor Weihnachten mit meiner Chefin, was aus dem Folgegrants ab Februar machbar sei. Sie versicherte mir, es sei alles geritzt, sie hätte genug Geld. Im Januar wurde ich geplant wieder schwanger und erzählte es auch meiner Chefin, denn ich machte gerade letzte Experimente mit extrem gefährlichen Experimenten und wollte das mit einer Kollegin tauschen.

Mitte Februar teilte mir meine Professorin dann mit, sie habe kein Geld mehr, ich müsse eben so abschließen. Die Antragsfristen für Fonds der Uni und schweizweit war gerade abgelaufen, oder die Fonds waren für ein Jahr gesperrt. Ich arbeitete weitere 3 Monate unentgeltlich im Labor weiter, wertete die Ergebnisse aus und schrieb die Dissertation zu Hause und machte Figures und Outline für das Paper. Mein Mann zog für den PostDoc nach Deutschland und 1 Monat vor Geburt des 2. Kindes folgten wir ihm.

Meine Professorin wollte Korrekturarbeiten machen. 2 Wochen nach der Geburt forderte ich meine Professorin auf mir Anmerkungen etc. zu schicken. Sie reagierte nur spärlich und dann gar nicht mehr. Sie war per Mail und Telefon nicht zu erreichen für Monate. Dann kam eine Mail, dass sie die Uni verlassen habe und nun in der Privatwirtschaft arbeite. Die Uni schaffte es 6 Monate später mein Prüfungskommitee (ohne die Doktormutter), den Forschungsdekan und eine Schlichterperson an einen Tisch zu bringen. Ich hatte allein Monate und hunderte Euro für Telefonate gebraucht, um jemanden zu finden, der überhaupt „zuständig“ war, ein Gespräch zu organisieren. Die einzelnen Prüfungskommiteemitglieder konnten da nämlich „auch nix machen“ und wussten „auch nicht, wie das jetzt weitergeht“. Da die Dissertation und das Paper bisher „ungelesen“ waren und vom Prüfungskommitee mit „da sind wir fachlich nicht nah genug dran, um das beurteilen zu können“ nicht mal angeschaut wurden, nahm der Forschungsdekan Kontakt mit der Ex-Chefin auf. Diese teilte mit, dass sie das Paper veröffentlichen wolle mit mir, allerdings mit ihr als alleinigem Erstautor. Das Dekanat teilte mir mit, so könne ich nicht abschließen. Mein Fakultätsverantwortlicher aus dem Prüfungskommittee wurde inzwischen emeritiert. So fehlten mir nun 2 Professoren.

Der Dekan beauftragte einen Prof mit einer Beurteilung und der antwortete, da müsse man noch Korrekturen machen und alleine veröffentlichen könne ich ja nicht. Die konkreten „Verbesserungsvorschläge“ schickte er allerdings nur dem Dekan und verbot diesem sie an mich weiter zu leiten.

Mein einzig verbliebener Prüfungsprofessor verabschiedete mich mit: Wissen Sie, das war aber auch ein ganz schlechter Zeitpunkt für ein zweites Kind.

Natürlich hat das nie jemand ausgesprochen, dass ich wegen der Kinder nicht abschließen kann. Es liegt lediglich kein Grund vor, warum ich keine Unterstützung bekomme. Ich habe allein 6 Monate um ein auf einmal mittelmäßiges Arbeitszeugnis meiner Ex-Chefin kämpfen müssen. Verantwortliche ignorieren mich einfach oder wissen da auch nicht, was man da noch machen kann. Anlaufstellen sind leider nicht für mich zuständig. Auf die Frage, was ich denn falsch gemacht habe, was ich denn hätte besser machen können, ernte ich durchweg Schulterzucken. Der Dekan sagte mir: Wir machen aus ihnen keinen Präzedenzfall.

Die Jobsuche gestaltet sich für mich schwierig, denn ich habe keine plausible Erklärung für meinen Lebenslauf, dafür habe ich 2 Kinder.

Mein Fazit ist eindeutig: Frau kann locker in der Wissenschaft arbeiten, gute Arbeit leisten und Kinder haben. Die Kinder sind nicht das Problem von Leuten, die arbeiten wollen.

Das Problem sind die Verantwortlichen, die Chefs und Projektleiter, die einen einfach abschreiben - öffentlich oder hintenherum. Das Problem sind Menschen auf verantwortlichen Positionen, deren Aufgaben schneller gewachsen sind, als ihr Charakter. Das Problem an Universität im deutschsprachigen Raum ist, dass Professoren eigentlich 3 Jobs auf einmal erledigen müssen, davon natürlich überfordert sind und ihre Überforderung an Schwächeren auslassen. Das Problem ist, dass es an Unis keinerlei vernünftige Personalführungsstruktur und keine klaren Verantwortlichen gibt, die Probleme lösen können. Kein Unternehmen der Welt könnte es sich leisten, Menschen in verantwortliche Positionen zu befördern ohne sie zu schulen, auf kommende Aufgaben vorzubereiten und danach an Kompetenzverbesserungen zu arbeiten. Unis können das. Denn das einzige wirkliche Auswahlkriterium, wenn jemand Professor wird, ist nicht, ob er ein guter Prof (mit allem was ein Prof nun einmal leisten muss) wird, sondern ob seine Veröffentlichungen der Uni Ruhm und Ehre und Geld bringen werden. Kinder sind an der Uni kein Problem. Das Problem an der Uni sind die Erwachsenen.

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Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 16.08.2015

Eine schockierende Geschichte. Ich hoffe, Sie haben den Kampf noch nicht ganz aufgegeben? Es muss doch möglich sein, Ersatzpersonen für den Prüfungsausschuss zu finden und nicht jahrelange Arbeit einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Können Sie nicht dem Dekan bzw. dem Schlichter so lange auf die Füsse treten, bis sich halt doch mal jemand zuständig fühlt? Oder wenn selbst das nichts hilft, haben Sie mal mit einem Anwalt gesprochen, ob rechtliche Schritte in Frage kommen?

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