Ein Beispiel für Vereinbarkeit?

Verfasst von
Anonym

Ich bin 37 Jahre alt, habe drei Kinder und bin seit kurzem Professorin. Seit dem ersten Studienabschluss und dem ersten Kind sind zwölf Jahre unter dem Motto „Hochschullaufbahn als Frau mit Kindern“ vergangen. Natürlich wusste ich, dass es ein anspruchsvoller Plan ist. Aber es war mir beides wichtig und ich bin prinzipiell optimistisch gestartet. 

Mein Fach ist ein ausgesprochenes Frauenmangelfach, nur um die 10% der Professuren sind mit Frauen besetzt. Es gibt kaum Mittelbau- und Qualifikationsstellen. Eine soziale Absicherung ist in der Regel erst erreicht, wenn man den Sprung vom Lehrauftrag auf die Professur schafft. Bis dahin heißt es, in zwei bis drei Städten pro Woche für 20 - 30 Euro Stundenlohn unterrichten, denn in jeder einzelnen Hochschule darf man nur bis knapp unterhalb des Deputats - der wöchentlichen Zahl an Unterrichtsstunden - einer halben Stelle unterrichten (8 - 11 Wochenstunden), damit man sich nicht einklagen kann. Da die Ferien nicht bezahlt werden und das Jahr nur 30 Wochen Vorlesungszeit hat, kommt man mit 16 Wochenstunden Unterricht à 25 Euro (die in mindestens zwei verschiedenen Städten stattfinden müssen) auf ein durchschnittliches monatliches Einkommen von 1000 Euro. Das sonstige universitäre Weiterkommen (Doktorarbeit, Publikationen, Mitwirkung an Kongressen, Bewerbungen...) muss aus der zeitlichen und kräftemäßigen Portokasse aufgebracht werden. Dies alles ohne Mutterschutz, Kündigungsschutz, Kranken- und Rentenversicherung oder finanzieller Kompensation im Krankheitsfall. 

Für mich bedeutete das über Jahre hinweg das Aufbieten aller meiner intellektuellen, organisatorischen und sonstigen Kräfte bei minimalem Ertrag an Geld und Ansehen, und es waren große Kompromisse bezüglich des Familienlebens nötig. Da mein Mann ebenfalls berufsbedingt jede Woche die Stadt verlässt, wurde die Babysitterin mit einer Art Schnitzeljagd betraut (geh zur Kita in der X-Straße... Du findest den Hausschlüssel im Elefantenrucksack...geh dann zur Schule...): ein immenser Organisationsaufwand, ein Kartenhaus, jederzeit zum Zusammenbruch bereit, sollte ein Kind krank werden oder sich verletzen. Natürlich war es dann jedes Mal meine Arbeit, die abgesagt werden musste, denn mein Mann musste ja das finanzielle Auskommen der Familie gewährleisten.

An vielen Kongressen konnte ich nicht teilnehmen, weil mein Mann am Wochenende unterwegs ist und, anders als bei IKEA oder im Fitnessstudio, bei Kongressen keine Kinderbetreuung angeboten wird. Oder ich fand mich auf der Damentoilette des Instituts wieder, wo ich die einschießende Milch aus meiner Brust herausstreichen musste, und die Frage, ob der Kongress das wert sei, stellte sich überdeutlich.

Die Kollegen der heimatlichen Hochschule kamen mir immer bei der Organisation des Lehrauftrags entgegen: Ich konnte die Wochenstunden so einrichten, wie ich wollte, man hatte Verständnis, dass ich außerhalb der Betreuungszeiten nicht an Sitzungen teilnehmen konnte, und ich konnte mich einigermaßen darauf verlassen, meinen Lehrauftrag nach etwaigen Babypausen auch wiederzubekommen. Ich habe aber nur einmal ein Semester pausiert. Mutterschutz gab es für mich nicht, ich habe bis zur Geburt unterrichtet und auch danach nicht auf Fristen geachtet.

An der Pendel-Hochschule war der Lehrauftrag allerdings ganz sang- und klanglos weg, nachdem ich in einer Schwangerschaft sehr krank war.

Die Doktorarbeit überhaupt abzuschließen war bei einer vollzeitäquivalenten Lehrtätigkeit und einer großen Familie, für die ich die Hauptverantwortung trug, nur mit äußerstem Pragmatismus möglich – also nicht das bestmögliche Buch schreiben, sondern dasjenige, das zu einem reellen Zeitpunkt im Regal steht.

Ich habe mir trotzdem immer mit Freude und Sorgfalt Zeit für die Doktorarbeit genommen und hadere nicht mit meiner mäßigen Abschlusszensur, aber es bleibt ein schales Gefühl, dass die Leistung, die es bedeutet, in meiner Situation überhaupt zu promovieren, nur von sehr wenigen Menschen wahrgenommen wird.

Angesichts der fehlenden sozialen Absicherung von Mutterschaft in meinem Fach ist es kein Wunder, dass sich wenige Frauen für diese Laufbahn entscheiden. Das ist schade, weil es an sich ein wunderbarer Beruf ist. Ein Privileg, sich mit einem tollen Fach und interessierten jungen Menschen beschäftigen zu dürfen.

Im Vergleich zum Professorin-werden mit Kindern ist Professorin-sein mit Kindern eigentlich recht einfach. Die gute soziale Absicherung lässt mir meinen Beruf plötzlich sogar als ganz besonders familienfreundlich erscheinen.

Trotzdem wäre ich sehr vorsichtig damit, einer jungen Frau zu raten, es so zu machen wie ich. Ich hatte sehr viele Ressourcen, die ich sämtlich einsetzen musste, um Professorin zu werden:

Mein Mann, meine Kinder und ich waren immer gesund. Wäre auch nur einer von uns fünfen auch nur zeitweilig ernsthaft krank gewesen, wäre es nicht gegangen. Unsere Partnerschaft ist stabil. Und wir hatten immer genug Geld, dass ich über zwölf Jahre hinweg meine Kräfte ohne wirtschaftliche Gesichtspunkte in meinen Beruf stecken konnte. Man kann sagen, mein Mann hat über zwölf Jahre hinweg die Hochschulen querfinanziert.

Für mich impliziert der Begriff der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein gewisses Maß an Verallgemeinerbarkeit. Für meinen Berufsweg musste ein sehr langer Atem mit Idealismus, Leidensbereitschaft und Glück in einem Ausmaß zusammentreffen, das nicht verallgemeinerbar ist. Daher ist meine Antwort auf die Frage im Titel dieses Beitrags: Nein.

Kommentare (2)

Kommentar von Anonym
am am 29.06.2015

Vielen Dank für diesen Bericht, in dem ich viele Aspekte meiner bisherigen beruflichen Karriere wiederfinde. Ich habe den Eindruck, dass diese Probleme leider von vielen "vergessen" oder marginalisiert werden, sobald eine Professorenstelle erreicht worden ist (oder es sind zu wenige, die es durch diese Belastungen hindurch durchhalten).

Kommentar von Anonym
am am 03.07.2015

Natürlich habe ich mir vorgenommen, mich von meiner jetzigen Position aus für den Nachwuchs einzusetzen. So schnell vergisst man nicht. Es wundert mich manchmal sehr, wie unkritisch viele Professoren der systematischen Ausbeutung des Nachwuchses gegenüberstehen. Viele sehen es einfach als große Ehre an, an dem tollen Institut unterrichten zu dürfen. Am Schlimmsten ist die unausgesprochene, vereinzelt aber auch ausgesprochene Meinung, dass, wer keine feste Stelle hat, eben nicht gut genug für eine solche ist. 

Die Familien-Thematik ist nicht einmal nötig, sie treibt die Probleme nur auf die Spitze; mit den bekannten Folgen für die Präsenz von Frauen in den entsprechenden Berufsfeldern. 

Neben den Möglichkeiten, sich als Professorin hochschulpolitisch für die Förderung von Mittelbau im eigenen Fach einzusetzen (wie groß die sind, muss sich zeigen), kann ich als Beraterin jüngerer Kollegen nur zu sehr viel karrieretechnischem Kalkül raten. Idealismus ist wunderbar, und ohne geht es auch nicht. Aber die ausschließliche Hingabe an Fach und Lehre ist der Nährboden, auf dem die Ausbeutung gedeiht. 

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