Ein Erfahrungsbericht aus der Habil-Äquivalent-Phase

Verfasst von
Anonym

Schon seit dem Studium haben mein Mann und ich uns vorgenommen, gleichberechtigt für die Kinder da zu sein. Für mich war immer klar, dass meine Familie unter meiner Karriere nicht leiden sollte. Ich habe schon bei der Geburt meines ersten Kindes (in der Postdoc-Phase) gewusst, dass ich eher den Job aufgeben und mich umorientieren würde, als meine Kinder unglücklich zu sehen und selbst an dem Spagat zu zerbrechen. Aber ich wollte versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Wir hatten keine Familie in der Nähe, die bei der Betreuung hätte helfen können, und auch keinen finanziellen Hintergrund, der eine Kinderfrau o.ä. möglich gemacht hätte. Keiner von uns beiden hatte einen Universitätslehrer in der Familie.

Bald nach der Geburt bekam ich eine sehr exponierte Stelle als befristete W2-Professorin mit Verantwortung für eine Nachwuchsgruppe. Mein Mann und ich sagten uns (sehr blauäugig): Versuchen wir's! Wenn's nach einem Jahr nicht klappt, steige ich aus. Aus der Perspektive der Postdoc-wissenschaftlichen-Mitarbeiterin war die neue Stelle purer Luxus: 5 Jahre, mit einem besseren Gehalt und viel Autonomie.

In meinem Fach war ich damals als Mutter mit einem sehr kleinen Kind in einer Führungsposition ein Novum; ich habe damit viel negative wie auch positive Aufmerksamkeit auf mich gezogen, ohne es zu wollen. Es gab im direkten kollegialen Umfeld viele Lippenbekenntnisse zur Familienfreundlichkeit, aber man zweifelte an der Umsetzbarkeit. Manche Frauen sahen mich als Vorkämpferin (was mich unter Druck setzte); bei anderen spürte ich deutlich, dass sie mir einen Erfolg nicht wünschten, weil das ihre eigene Entscheidung gegen Kinder in Frage gezogen hätte. Wichtig waren für mich regelmäßige Kontakte zu Frauen, die in ähnlichen Situationen waren und eine ähnliche Einstellung zu Familie hatten wie ich.

Nach einem Jahr Nachwuchsgruppenleitung erwartete ich das zweite Kind. Die Einstellungen im kollegialen Umfeld änderten sich radikal (oder vielleicht gab man nur die Zurückhaltung auf). „Zwei Kinder? Wie soll denn das gehen?", fragte mich der Lehrplanungskoordinator. „Hier bei uns gilt die Regel, dass dann einer auf die Familie verzichten muss." Schwerer wogen Bemerkungen von mächtigen Kolleg/innen, die mir deutlich anzeigten, dass ich mit dem zweiten Kind eine Linie überschritten hatte. Ein älterer Kollege, der im Evaluationskommittee meiner Institution saß, bemerkte in einer Begehungspause fast nebenbei, als Wissenschaftler könne man eben nicht alles haben, man könne eben keinen Mercedes fahren und man könne eben nur ein Kind haben. 

Während der ersten Schwangerschaft hatte ich mein Arbeitsleben ausgesprochen intensiv und erfolgreich fortführen können. Noch 2 Tage vor dem Geburtstermin hatte ich einen von mir mitorganisierten Workshop geleitet. In der zweiten Schwangerschaft hatte ich gesundheitliche Schwierigkeiten, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ich musste mich mehrmals täglich übergeben, nicht nur in den ersten drei Monaten, sondern bis zur Geburt. Man konnte während der Schwangerschaft nicht diagnostizieren, aber nach der Geburt stellte sich heraus, dass der Magenpförtner durch den Bauch so verschoben war, dass es ständig Reflux in die Speiseröhre gab. Es war banal; niemand (der nicht selbst usw.) konnte so recht verstehen, weshalb das so ein großes Problem war, aber für mich war es grausam. Ich war fast 5 Monate lang krankgeschrieben, konnte zahlreiche Projekte nicht zu Ende führen und musste viele Kolleg/innen enttäuschen. Die Reaktionen aus dem beruflichen Umfeld waren gespalten: Manchen tat ich leid, aber andere meinten, ich sei dem Ganzen nicht gewachsen, ich hätte nicht die Konstitution für die Wissenschaft, ich hätte innerlich aufgegeben etc. Psychisch war es extrem belastend. Aber nach der Geburt war mit einem Schlag alles okay, mir ging es gut, dem Kind auch. Ich hatte vorsichtshalber (die Diagnose war ja unklar) 10 Monate Elternzeit beantragt, arbeitete dann aber die ganze Elternzeit über Teilzeit weiter. Danach konnte ich endlich wieder voll ins Berufsleben starten. Nach insgesamt 15 Monaten!

Nur 4 Wochen später erfuhr ich, dass meine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war. Sie lebte noch 8 Monate. In diesen Monaten habe ich gemeinsam mit meinem Mann versucht, die Panik und den Schmerz meiner (800 km entfernt lebenden) Eltern, die Angst und das Klammern meiner Kinder und die viel zu hohen beruflichen Erwartungen irgendwie miteinander zu balancieren. Ich arbeitete an mehreren Peer-Review- Publikationen. Ich hatte zwei internationale Workshops co-organisiert, die in dieser Zeit stattfanden. Ich reiste ständig zwischen unserem und dem Wohnort meiner Eltern hin und her, mit und ohne Kinder. 

Für mich war in dieser Zeit klar, dass ich viel von meinem beruflichen Ansehen unwiederbringlich verlieren musste. Ich konnte mich schwer konzentrieren, keine Deadlines einhalten, ich musste viel zu viel absagen, ich beantwortete meine E-Mails nicht oder nur sehr spät. Ich war ganz einfach sehr unzuverlässig. 

Nach dem Tod meiner Mutter dachte ich: Ich werde mich von dieser Erfahrung kaum wieder erholen. Und es war für mich nur eine Frage der Zeit, dass ich aus der Wissenschaft „herausfallen" würde. Aber ich hatte auch keine Kraft, nach Alternativen zu suchen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das Nötigste: Familie wieder ins Lot bringen, Kraft schöpfen, Belastung reduzieren, was alles darauf hinauslief, dass ich nicht Vollzeit arbeiten konnte. 

In dieser Situation setzten wir alles auf die berufliche Entwicklung meines Mannes. An unserem damaligen Wohnort gab es für ihn keine beruflichen Perspektiven, aber anderswo konnte er sich auf eine unbefristete, sehr gut bezahlte Stelle mit viel Sicherheit bewerben. Das konnte ich meiner Familie gar nicht bieten. Er bekam die Stelle - und wir zogen in einen 600 km entfernten Ort. In einen Ort, an dem wir zunächst gar keine Kinderbetreuung bekamen.... und an dem auf Arbeitgeberseite nicht vorgesehen ist, dass der Familienvater schwierige Situationen zuhause gleichberechtigt mitträgt.

Ich selbst musste pendeln, was enorm belastend war. Mein Institut akzeptierte dies zunächst, insgesamt machte man mir aber deutlich, dass diese Situation nicht lange anhalten durfte. Die Befristung meiner Stelle im Nacken, suchte ich fieberhaft nach beruflichen Alternativen.

Ein Jahr nach dem Umzug wurde ich zu einem Vorsingen eingeladen. Wieder ein Jahr später erhielt ich die Ernennungsurkunde zu meiner W3-Professur. Und da bin ich noch heute und bin sehr zufrieden. Mit diesen Rahmenbedingungen lässt sich sehr vieles verschmerzen.

Ich habe darunter gelitten, dass ein großer Teil meiner beruflichen Umwelt mir nicht zugetraut hat, eine gute Wissenschaftlerin zu sein, weil ich den Erwartungen ausgerechnet in dieser Phase, ausgerechnet auf einer solchen Stelle, nicht entsprechen konnte. Und dabei wurde meine Arbeit nicht schlechter - im Gegenteil: Die damals entstandenen Publikationen und Projekte sind alle sehr gut und ich brauche mich damit überhaupt nicht zu verstecken. Ich habe das Ansehen dadurch verspielt, dass ich mich nicht mehr habitus-konform verhalten habe und dem Deadline-Geschäft nicht mehr entsprechen konnte. Ob man nun private Dramen zu verarbeiten hat oder ob man einfach nicht diszipliniert genug ist, das ist aus der Perspektive der Berufswelt egal: Man ist einfach unzuverlässig, Punkt.

Immer wieder habe ich in all den Jahren mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuwerfen und aufzugeben. Ich glaube, weshalb ich überhaupt noch den Mut - oder sollte man sagen: die Frechheit - hatte, weiterzumachen, ist (trotz häufiger Zweifel) die Überzeugung, dass ich eigentlich wahnsinnig gut geeignet bin für diesen Beruf und sehr viel Potenzial habe. Dass ich dieses Potenzial lange Zeit nicht entfalten konnte, lag sowohl an privaten als auch an beruflichen Konstellationen. Außerdem konnte ich deshalb weitermachen, weil es ziemlich viele ältere Kolleginnen und Kollegen mit und ohne Kindern gab, die mir immer wieder Mut gemacht haben, die mich sehr unterstützten und mir halfen, Klarheit zu gewinnen, um die Prioritäten wieder auszurichten. Ich glaube schon, dass kein geringer Teil der Professorenschaft tatsächlich eine familienfreundliche Universitätslandschaft will oder sich zumindest der Problematik sehr bewußt ist. 

Ich muss auch betonen: Die Berufungskommission hat sehr wohl berücksichtigt, dass ich zweimal in Elternzeit gewesen war. Die berufende Uni hat im Berufungsverfahren sämtliche familienfreundlichen Instrumente in Anschlag gebracht, die es gibt. Das gibt es eben auch schon in Deutschland, auch wenn es noch nicht die Regel ist. Inzwischen mische ich in den Komitees mit und trage meine Ansichten hinein. Und ich habe übrigens auch Coaching und Mentoring genutzt und als ganz entscheidend hilfreich empfunden.

Eine einseitige Position kann ich hinsichtlich der Familienfreundlichkeit oder der Vereinbarkeit also nicht beziehen: In meiner Laufbahn gab es wirklich sehr entmutigende Momente, aber auch sehr viel Mut machende und unterstützende Menschen. Auch, wenn es unendlich viel Kraft kostet, und wenn vieles dagegen zu sprechen scheint, kann man einen Weg finden.

Jedenfalls sind die befristeten Stellen, die für die Habil-Äquivalent-Phase vorgesehen sind, für Nachwuchswissenschaftler/innen in Deutschland eine besondere Zumutung. Denn der große Schritt steht ja noch bevor, braucht unendlich viel Kraft, und es werden vielleicht nur 1-2 Stellen pro Jahr frei!

Für mich ergibt sich ein ganz deutlicher politischer Handlungsbedarf: Es müsste in Deutschland endlich ein klares, verlässliches Tenure-Track geben, bei dem die Kriterien für den Tenure von vornherein feststehen und Familienaspekte berücksichtigt werden.

Und das deutsche Wissenschafts- (Bildungs-) System müsste dringend weg von einem defizitorientierten, von Misstrauen getriebenen Beurteilungsstil („Wie wollen Sie denn das schaffen?“; „Das geht doch überhaupt nicht.“; „Wir trauen Ihnen nicht zu, dass Sie das hinkriegen.") hin zu einem vertrauensvollen Würdigen des Potenzials: „Wir glauben, Sie können Großartiges leisten! Aber Sie sind in einer schwierigen Situation. Wie können wir Sie unterstützen?“    

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 02.07.2015

Wie verdammt hart es kommen kann, wenn jemand krank wird ...
Das Risiko, "herauszufallen" ...
Scheinbar wider alle Vernunft weitermachen, weil man halt weiß, dass man gut ist ...
Immer ein Sonderfall sein und erst nach und nach merken, wie viele Tücken das hat ...
Vieles aus Ihrem Beitrag kann ich sehr gut nachfühlen und ich freue mich sehr, dass Sie nicht "herausgefallen" sind, sondern eine tolle und mit Familie lebbare Stelle bekommen haben.

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