Ein Zölibat für die Wissenschaft

Verfasst von
Anonym

Kinder zu haben bedeutet, dass man nicht 100% seiner Zeit für den Job aufwenden kann - statt des 9-Stunden-Tages mit optionaler Abend-Verlängerung, wenn die Konferenz-Einreichung ansteht, bleibt eben nur die Zeit von 9 Uhr (Kinder in den Kitas abgeliefert + Anfahrt zum Institut) bis 16 Uhr (denn um 16:45 ist die letzte Abholzeit). Und vielleicht noch ein, zwei Stündchen ab 20:30 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind - und der Haushalt noch ein wenig warten kann.

In weniger Zeit lässt sich weniger forschen und weniger publizieren. Zumal die reduzierte Arbeitszeit nicht linear ins Gewicht fällt, sondern überproportional: Denn Lehre und organisatorische Aufgaben benötigen ja nach wie vor dieselbe Zeit. Sobald es dann aber um die Professur geht, zählt die Länge der Publikationsliste. Und wer sich dann nicht den Luxus von Kindern gegönnt hat, ist in diesem Punkt (gerechterweise) klar im Vorteil. Ebenso jener (m/w), bei dem Kinder und Haushalt vom Partner erledigt werden.

Es gibt einige Strukturen, aufgrund derer sich der „Zeitverlust“ durch Familie in der Wissenschaft besonders stark auf die Karriere auswirkt:

1. Exzellenz: Wenn die Politik Exzellenz will, wird man um ein Zölibat für Wissenschaftler (m/w) nicht umhinkommen: Geht man von einem plausiblen Zusammenhang zwischen aufgewandter Zeit und Leistung aus, dann kann nur der bei den Besten sein, der 100% seiner Zeit in den Job investiert.

2. Das Wissenschaftszeitgesetz: Wer seine Habilitation auf einer halben Stelle machen will, kostet den Staat pro Jahr zwar nur die Hälfte - bekommt aber nicht die doppelte Zeit. Zwar gibt es eine Verlängerung, wenn man Kinder hat, aber ...

3. ... es bleibt weiterhin die Altersgrenze für die Berufung. Bis man die Leistungen der kinderlosen Konkurrenz aufholen konnte, ist man eben schon zu alt. Und die Konkurrenz um Professuren ist bekanntlich groß.

4. Eine Familie steht darüber hinaus auch der Mobilität im Wege. Das beginnt bei der Konferenz-Reise (können die Großeltern die Kinder mal für 3 Tage nehmen, obwohl sie selbst noch berufstätig sind?) und endet noch lange nicht bei der Forderung, man möge doch bitte eine Weile im Ausland geforscht und gelehrt haben. Ein Partner und Kinder sind damit nicht immer vereinbar.

Einen Lösungsansatz habe ich nicht zu bieten - und vom Zölibat halte ich auch nicht viel. Aber aus Optimierungsproblemen ist hinlänglich bekannt, dass man nicht alles zugleich maximieren kann: Maximale Exzellenz und Akademiker-Nachwuchs sind in manchen Aspekten konkurrierende Ziele.

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Kommentare (2)

Kommentar von Anonym
am am 18.06.2015

Ja, es stimmt, dass man durch den Zeitmangel weniger schafft. Aber die Rechnung "mehr Zeit = mehr Leistung" ist mir trotzdem zu einfach. Zum einen weiß jeder, der Kinder hat, um die Effizienzsteigerung, die Kinder mit sich bringen. Diese wird erst, wenn die Kinder selbständig werden, so richtig wirksam, aber auch schon vorher. Die Qualität der Forschung leidet meiner Meinung nach nicht unbedingt, das hängt von vielen anderen Faktoren ab.

Kommentar von Anonym
am am 06.11.2015

Das Argument der Effizienz-Steigerung möchte ich so nicht stehen lassen: Sicherlich lernt man, wie man mit dem reduzierten zeitbudget zurecht kommt und wo man Arbeit einsparen kann. Aber wer mit entsprechender Motivation an seinen Job herangeht, wird immer so viel machen, wie er/sie (irgendwie) schafft. Das gilt auch für Kollegen (m/w) ohne Kinder, die sich ja ebenfalls unter Leistungsdruck sehen. Deshalb werden auch diese im Laufe der Karriere effizienter. Ich behaupte deshalb weiterhin, dass man am Ende eines 6-Stunden-Tages signifikant weniger geschafft hat als am Ende eines 10-Stunden-Tages. Vor allem nach Abzug von 2 Stunden Lehre und organisatorischen Tätigkeiten. (Autor des Original-Beitrags)

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