Eine konstante Gratwanderung

Verfasst von
Anonym

Obwohl ich bei Kolleg/innen auf sehr viel Verständnis stoße, frage ich mich immer wieder, wie und ob es für mich in der Wissenschaft weitergehen kann. Ich habe ein kleines Kind und bin Juniorprofessorin. Wir haben uns dafür entschieden, dass wir unser Kind so klein noch nicht in Ganztagsbetreuung geben wollen und somit holen mein Mann und ich es abwechselnd am frühen Nachmittag aus der Kita ab. 

Was mich manchmal wütend macht, ist, dass immer nur über den Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten gesprochen wird. Was, wenn man sich als Mutter oder Vater einfach auch mehr Zeit mit den Kindern wünscht? Das ist in unserer Gesellschaft und insbesondere in der Wissenschaft einfach nicht vorgesehen. Natürlich habe ich formal den Anspruch darauf, meine Stelle zu reduzieren. Davon raten mir alle ab. Es würde ohnehin nur das Gehalt ändern, der Druck bleibt der gleiche, und wenn ich mich jetzt auf "richtige" Professuren bewerbe, könne ich das auf keinen Fall angeben, da sei ich ja sofort raus. Was bleibt, ist ein enormer Druck und ein ständiger Balance-Akt zwischen Papers, Anträgen, Lehre, Selbstverwaltung und der Familie. Im Endeffekt bleibt viel zu wenig Zeit für beides und ich habe ein konstant schlechtes Gewissen gegenüber meinen Forschungs- und Lehraufgaben ebenso wie gegenüber meinem Kind.

Ich habe den Eindruck, dass man sich irgendwie durchmogeln kann und dass das trotz allem klappen könnte (davon zeugen ja auch einige beeindruckende Berichte in diesem Blog). Aber an vielen Tagen frage ich mich, ob ich aus so einer Situation heraus eine Chance auf eine Professur habe - und ob ich die überhaupt möchte. Zum ersten Mal seit dem Beginn der Doktorarbeit habe ich ernsthafte Zweifel an mir als Wissenschaftlerin und an meiner wissenschaftlichen Karriere. Und mir wird angst und bange, wenn ich an das zweite Kind denke, das wir auf jeden Fall möchten. Wie viel Kraft und Energie für die Gratwanderung ist dann noch da, oder bleibt irgendwann nur noch der Ausstieg aus der Wissenschaft?    

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