Familie, Forschung, Lehre: Das 2-von-3-Problem

Verfasst von
Anonym

Ich bin männlich und arbeite in einem künstlerisch-wissenschaftlichen Bereich. Derzeit bin ich mit einer halben Stelle, die auf sechs Semester befristet ist und nur jeweils in der Vorlesungszeit bezahlt wird, an meiner Uni beschäftigt. An einer anderen Uni in der gleichen Stadt habe ich einen zweistündigen Lehrauftrag. Mit 13 Stunden Lehre, Vor- und Nachbereitung, Prüfungstätigkeit etc. komme ich auf ein geschätztes Arbeitspensum von 25-28 Stunden pro Woche (am Semesterende erheblich mehr). Mein Promotionsprojekt, dessen Erfolg auch vom Erlernen einer Fremdsprache abhängt, ist in einer anderen Stadt angesiedelt, wohin ich einige Male im Jahr für einige Tage pendle. Ich habe dort weder eine Stelle noch ein Stipendium. Mehr als einen Tag in der Woche kann ich der entstehenden Dissertation nicht widmen; ich rechne damit, für das noch nicht einmal halbfertige Projekt noch drei bis vier Jahre zu brauchen. Eigene künstlerische Tätigkeit ist mir nur in den Semesterferien möglich.

Mit meiner Partnerin habe ich zwei Kinder. Das ältere Kind (4 Jahre) ist in der Kita, das jüngere (10 Monate) wird noch gestillt. Meine Partnerin ist ebenfalls Künstlerin und hat vor den Schwangerschaften als Honorarkraft in einer öffentlichen Institution gearbeitet; derzeit hat sie bis auf gelegentliche befristete Projekte keine Einkünfte. Meine Lehr- und Forschungstätigkeit ist in der derzeitigen Gestalt und Organisationsform nur möglich, weil meine Partnerin sich voll auf die Familie konzentriert. Unser Familieneinkommen liegt seit dem Beginn unserer Berufstätigkeiten unterhalb des Grundsicherungsniveaus, so dass wir aufstockend ALG II beziehen. Ein Ende dieses Zustands ist vorerst nicht absehbar. Weil uns ein Kinderzimmer fehlt, werden wir in absehbarer Zeit in eine größere Wohnung ziehen müssen, was aufgrund des angespannten Wohnungsmarkts und unserer schmalen finanziellen Möglichkeiten nicht einfach wird.

Meine Berufstätigkeit bereitet mir Freude und ist meistens erfüllend, auch wenn die derzeitige Stelle keinerlei Perspektiven bietet. Ich identifiziere mich in hohem Maße mit meiner Lehrtätigkeit und empfinde Verantwortung für die Studierenden, es ist aber ein hohes Maß an Idealismus nötig, um unter prekären Bedingungen diese Motivationen dauerhaft aufrecht zu erhalten. Eine Vereinbarkeit mit der Familie besteht nur deshalb, weil wir in Kauf nehmen, abhängig von staatlicher Unterstützung zu sein. Als Stigma empfinde ich das nicht (mehr), der Zustand ist allerdings ein wenig absurd, denn mit den Sozialleistungen finanziert uns der Staat quasi als Ersatz dafür, dass er in meinem Bereich zu wenig tragfähige und existenzsichernde Qualifikationsstellen zur Verfügung stellt. Ich überlege zunehmend, ob es für mich nicht auch berufliche Möglichkeiten außerhalb des akademischen Betriebs gibt; bisherige Versuche in diese Richtung waren aber nicht erfolgreich.

Das Karriere-Dilemma besteht für mich nicht generell in der schweren Vereinbarkeit von Wissenschaftsberuf und Familie, sondern vor allem darin, dass neben einer Vollzeit-Lehrtätigkeit (die ich anstrebe) und der Ambition, mich außerhalb der Kita-Zeiten gleichberechtigt mit meiner Partnerin den Kindern widmen zu können, eine substantielle Forschungstätigkeit unrealistisch erscheint. Schon jetzt ist meine Dissertation ein mehr oder weniger privates Wochenend- und Nachtstundenvergnügen, das nur an dritter Stelle steht. Es ist also durchaus ein Zeitproblem: Solange nur die Lehre bezahlt wird, wie es oft der Fall ist (in meinem Bereich fast ausschließlich und auch bei Professuren), kann man in der "Freizeit" außerdem wissenschaftlich tätig sein ODER eine Familie haben - beides zusammen ist in meinen Augen ziemlich schwierig.

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