Ganz oder gar nicht - In der Wissenschaft wird eine schnelle Karriere erwartet

Verfasst von
Anonym

Ich bin derzeit Postdoktorandin mit einem Kleinkind, arbeite zu 75% in der Wissenschaft und mein Partner zu 100% in der Industrie. Wir haben eine Uni-KiTa mit tollen Öffnungszeiten und ich habe einen Chef, der Verständnis bei Krankheit des Kindes hat. Ich liebe die Arbeit in Wissenschaft und Lehre und schätze besonders, dass man in diesem Bereich auch in Teilzeit anspruchsvolle Aufgabengebiete bearbeiten kann. Zudem kann ich mir die Arbeitszeit frei einteilen; auch Heimarbeit ist möglich. Das sind alles super Voraussetzungen für eine gute Work-Life-Balance.

Das Problem: Solche Stellen sind selten und nur von kurzer Dauer. Mein Vertrag ist befristet. Die weitere Karriere gestaltet sich in Teilzeit und ortsgebunden natürlich schwierig. Denn Karriere bedeutet in der Wissenschaft: Habilitation, Industrieerfahrung sammeln, Auslandserfahrung machen, möglichst viele Publikationen, Lehre etc. Bei der Anfertigung einer Habilitation oder der Vorbereitung von Vorlesungsstunden wird in der Regel erwartet, dass man hierfür zumindest zum Teil seine Freizeit nutzt. Diese ist mit Kind jedoch sehr beschränkt. Für Auslandserfahrung oder die Annahme einer Uni-Professur wäre ein Ortswechsel unerlässlich, d.h. Fernbeziehung oder Kündigung des sicheren Arbeitsverhältnisses des Partners und Umzug mit allen Konsequenzen bzgl. Entfernung zum gewohnten sozialen Umfeld, zu den Großeltern etc. Das sind schon große Hürden mit Familie.

Auch in der Industrie ist Teilzeit-Arbeit und Arbeitsausfall wegen Kind-krank oder selbst viel krank nicht gerade ein Karrieresprungbrett. Teilzeit wird oft kritisch gesehen und ist für Männer beispielsweise noch kaum akzeptiert. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Industrie: In der Wissenschaft wird eine möglichst schnelle Karriere erwartet. Einfach „nur“ Arbeit als Wissenschaftler/in im Mittelbau wird kaum noch akzeptiert. Entweder Weiterqualifikation oder Verlust der Arbeitsstelle. Das ist in der Industrie anders. Hier muss man nicht um seine Anstellung fürchten, wenn man für ein paar Jahre keine Karriereschritte machen möchte. Zudem würde beispielsweise mein Jahr Auslandserfahrung während des Studiums honoriert, anders als in der Wissenschaft, wo nur zählt, was nach dem Studienabschluss liegt. Die „Wanderjahre" werden also in einem Alter um die 30 erwartet, wenn man mit der Familiengründung nicht mehr lange warten kann. Für weit weniger Gehalt als in der Industrie wird ein Einsatz von weit mehr als 100% vorausgesetzt. Das ist mit einer Familie nicht vereinbar.

Da ich mit Leib und Seele Wissenschaftlerin bin, würde ich dennoch gern in diesem Bereich bleiben. Mit viel Glück bekomme ich eine der wenigen Festanstellungen bei meinem jetzigen Arbeitgeber, kann dann in Ruhe habilitieren und mich, wenn das Kind groß ist, um eine Professur bewerben. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich in die Industrie wechsle und dort wegen der Teilzeit eventuell unter meiner Qualifikation arbeite. Vielleicht ist im Anschluss noch eine Hochschul-Professur möglich.

Und wie sieht es mit einem zweiten Kind aus? Eigentlich möchten wir das sehr gern – aber reichen Energie, Nerven und Zeit noch aus? Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen würde ich es wagen, denn bei einer Überlastung könnte ich für eine Zeitlang meine Arbeitszeit reduzieren und danach wieder voll einsteigen, ohne den Anschluss verloren zu haben. Aber in der aktuellen Situation sind die Unsicherheiten wohl einfach zu groß.

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 06.11.2015

Die zeitliche Begrenzung pro Karriereschritt hat sicher seine Daseinsberechtigung. Immerhin ist es - verglichen mit einer Professor (10, 12 oder auch mal 18 SWS Lehrverpflichtung) - schon ziemlich bequem, wenn man mit 2,5 SWS Lehrverpflichtung auf einer halben Stelle sitzen und forschen darf. Da darf man schon erarten, dass in der restlichen Zeit an der Qualifikations-Arbeit gearbeitet wird (nun ja ... nebst den weiteren Aufgaben, die man am Lehrstuhl noch so übertragen bekommt). Ich persönlich (mittlerweile promoviert und 3 Kinder) finde auch halbe Stellen absolut in Ordnung, wenn (!) dann nicht erwartet wird, dass man 100% der Zeit für die Uni oder seine Qualifikation arbeitet. Denn gerade mit kleinen Kindern sind 41 Stunden pro Woche nicht immer machbar.

Was Mittelbau-Angehörige mit Kindern allerdings substanziell benachteiligt ist die Tatsache, dass die Stelleprozente in keiner Weise auf die 2-mal-6-Jahres-Grenze angerechnet werden. Natürlich darf ich auf einer halben Stelle forschen und lehren, wenn ich mehr Zeit für die Familie brauche ... aber das ändert nichts daran, dass ich innerhalb von 6 Jahren eine Promotion oder Habilitation abschließen muss. Und wenn nicht? Dann adieu Wissenschaft, leb wohl Publikationsliste ...

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