Ist die Förderung von Nachwuchsforschenden mit Kind noch notwendig?

Verfasst von
Dr. René Krempkow

Aus der Wissenschaft sind teilweise Stimmen zu hören, die die Förderung der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie bei Nachwuchsforschenden als unnötiges „Pampern“ ansehen. Denn die Förderung von Nachwuchsforschenden mit Kind habe nichts mit der Förderung der Leistungsbesten zu tun und gehöre nicht ins Wissenschaftssystem. Im übrigen werde doch mit dem inzwischen an sehr viele Hochschulen verliehenen Audit „Familiengerechte Hochschule”, der eigens geschaffenen Verlängerung der Befristungsmöglichkeiten usw. schon so viel getan, jetzt müsse es aber auch genug sein – so ist aus dieser Richtung zu hören.

Aus der anderen Richtung wird dem entgegen gehalten: Die Alltagspraxis zeige, dass die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft in der deutschen Wissenschaftslandschaft bislang mehr „talk“ als „action“ sei. Denn oft würden Nachwuchsforschende im Wissenschaftsalltag immer noch Nachteile erwarten, wenn sie das Thema Familienplanung offen ansprechen bzw. umsetzen. Teilweise werden Nachteile auch erst deutlich, wenn eine ursprünglich begrüßte Elternschaft auf längere Sicht zum Hinterfragen räumlicher und zeitlicher Verfügbarkeitsanforderungen oder allgemein der Work-Life-Balance v.a. in der Drittmittelforschung führe. Dies gelte vielerorts als unangemessen oder gar als undankbar.

Angesichts dieser sehr unterschiedlichen Sichtweisen stellte sich mir die Frage, welche Erfahrungen und Daten aus der aktuellen Forschung über Hochschulen und Wissenschaft zu diesem Thema vorliegen und inwieweit sie die jeweiligen Sichtweisen stützen. Die Ergebnisse einer entsprechenden Recherche werden nachfolgend kurz zusammengefasst, eingeordnet und anschließend fünf Thesen zur Diskussion gestellt.

Zunächst ist vorweg festzuhalten, dass in der aktuellen Forschung über Hochschulen und Wissenschaft zu diesem Thema nur wenige bundesweite Studien zu finden sind. Dies sind z.B. eine Sonderauswertung der internationalen Hochschullehrendenbefragung des International Center for Higher Education Research Kassel (Jacob 2014), die Studie des Center of Excellence Women and Science „Familienfreundlichkeit in der Praxis“ (Kunadt u.a. 2014), die Studie „Wissenschaft oder Elternschaft“ des Zentrum für Hochschulbildung der TU Dortmund (Metz-Göckel u.a. 2013) und Sonderauswertungen der Absolventenstudien vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung u.a. zu Promovierenden (Jaksztat u.a. 2012, Brandt 2012), sowie eine Befragung von Juniorprofessor(inn)en und Nachwuchsgruppenleiter(inn)en des Institutes für Hochschulforschung Wittenberg und des Centrum für Hochschulentwicklung (Berndt 2013). Darüber hinaus finden sich zwar noch einzelne Daten und Fakten in anderen bundesweiten Studien zu Nachwuchsforschenden, die aber nicht vorrangig dies Thema fokussierten.

Als erstes Ergebnis sollen zur Beantwortung der Frage nach der Selbstverständlichkeit von Elternschaft in der Wissenschaft einige Zahlen aus der Sonderauswertung der Hochschullehrendenbefragung von Jacob (2014) zitiert und diese den Ergebnissen der Absolventenstudie (Brandt 2012) gegenübergestellt werden: Denn während wissenschaftliche Mitarbeiter(innen) nur zu rund einem Drittel Eltern sind (Frauen 30%, Männer 38%), sind von allen Hochschulabsolvent(inn)en einige Jahre nach Abschluss bereits rund 60% Eltern (Frauen 62%, Männer 59%). Insbesondere die Frauen unter den wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n sind damit nur etwa halb so oft Eltern wie „durchschnittliche“ Hochschulabsolvent(inn)en. Dies gilt, obwohl sie sich grundsätzlich ebenfalls deutlich häufiger Kinder wünschen würden. Professor(inn)en sind dieser Studie zufolge übrigens nicht seltener Eltern als „durchschnittliche“ Hochschulabsolventinnen (Professorinnen 61%, Professoren 67%). 

Mit den Auswertungen von Jacob (2014) kann man die Frage beantworten: Ist diese Situation spezifisch für die Nachwuchsforschenden bzw. die Wissenschaft v.a. in Deutschland – oder ist dies auch in anderen europäischen Ländern der Fall?

Hierfür wurden in der Studie die Forschenden mit Junior-Positionen denen mit Senior-Positionen gegenübergestellt (entspricht etwa den wissenschaftlichen Mitarbeiter(innen) und Professor(inn)en in Deutschland). Ein Blick auf den Durchschnitt von zehn europäischen Ländern zeigt, dass sie dort – im Unterschied zu Deutschland – etwa doppelt so oft Eltern sind (Frauen geringfügig seltener als Männer). Forschende mit Senior-Positionen unterscheiden sich hierbei kaum von denen mit Junior-Positionen; und beide Gruppierungen entsprechen in etwa den Werten für Hochschulabsolvent(inn)en in Deutschland. Damit scheint die Situation in Deutschland in ihrem Ausmaß durchaus spezifisch zu sein, betrifft also keineswegs wie oft vermutet die Wissenschaft allgemein.

Ein weiteres interessantes Ergebnis aus der Studie von Metz-Göckel u.a. (2013) hilft die Frage zu beantworten, ob die Situation innerhalb Deutschlands überall ähnlich oder an Universitäten und Fachhochschulen eher unterschiedlich ist: Demnach ist Elternschaft von wissenschaftlichen Mitarbeiter(innen) an Fachhochschulen deutlich weiter verbreitet (Frauen 47%, Männer 53%). An Universitäten sind dagegen nur etwa halb so viele Eltern (Frauen 25%, Männer 29%). Dies deutet darauf hin, dass es an Fachhochschulen deutlich andere Bedingungen gibt als an Universitäten. Zum Beispiel wird in der Studie darauf hingewiesen, dass wissenschaftliche Mitarbeiter(innen) an Fachhochschulen anteilmäßig spürbar häufiger unbefristete Arbeitsverträge erhalten. Dies verweist auf Studienergebnisse, die Elternschaft im Zusammenhang mit Arbeitsbedingungen untersuchen. So stellen Metz-Göckel u.a. (2013) die Elternanteile differenziert nach Befristung der Arbeitsverträge sowie Voll-/Teilzeitverträgen dar. Demnach sind wissenschaftliche Mitarbeiter(innen) mit befristeten Verträgen insgesamt deutlich seltener Eltern (Frauen 16%, Männer 18%) als mit unbefristeten Verträgen (Frauen 36%, Männer 52%).

Die Ergebnisse zum Arbeitszeitumfang sehen anders aus als oft erwartet: Hier haben in Teilzeit tätige nicht häufiger Kinder (Frauen 19%, Männer 21%) als in Vollzeit tätige (Frauen 19%, Männer 30%). Angesichts des mit Elternschaft verbundenen Anspruchs auf Teilzeit erscheint dies zunächst ungewöhnlich, wird aber durch Ergebnisse einer Sonderauswertung der Absolventenstudien für Promovierende zur Einschätzung der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft gestützt: 

Nach den Ergebnissen von Jaksztat u.a. (2012) fällt der Anteil (sehr) zufriedener Promovierender mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft am höchsten aus, wenn beide Vollzeit arbeiten (54%, hier nicht nach Geschlecht differenziert). Im Vergleich dazu sind es nur 35%, wenn sie Teilzeit arbeiten. Dagegen fällt die Differenz zwischen denjenigen, die eine Kinderbetreuung durch Dritte haben (z.B. Kita, Tagesmütter), mit 45% (sehr) Zufriedenen gering aus – im Vergleich zu denjenigen, die keine Kinderbetreuung durch Dritte haben (38%). Dies deutet darauf hin, dass die Bedeutung der Kinderbetreuung in Relation zu Arbeitsbedingungen geringer ist.

Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch in einer Analyse der Situation von Juniorprofessor(inn)en und Nachwuchsgruppenleiter(innen), die im Kontext eines Projektes des Instituts für Hochschulforschung Halle-Wittenberg in Kooperation mit dem Centrum für Hochschulentwicklung Gütersloh entstand (Berndt 2013). Demnach stimmen etwa die Hälfte der beiden Gruppen der Aussage zu, dass Familie und Beruf kaum vereinbar seien, und sehen sich vor die Entscheidung Kind oder Karriere gestellt. Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterdifferenzen sowie Differenzen nach institutioneller Einbindung und Arbeitsbelastung. Besonders ungünstig fallen die Einschätzungen der in ihr Institut schlecht eingebundenen und stärker belasteten Nachwuchsforscherinnen aus, die sich auch am häufigsten vor die Entscheidung Kind oder Karriere gestellt sehen. Die Analyse kommt zum Fazit: Instrumente wie die Juniorprofessur oder die Nachwuchsgruppenleitung können bisher nichts an den „schwierigen und risikoreichen beruflichen Rahmenbedingungen“ ändern, die eine „Familiengründung zum Drahtseilakt“ werden lassen.

Abschließend für diesen Daten-Überblick werden nun noch zentrale Ergebnisse der Studie „Familienfreundlichkeit in der Praxis“ (Kunadt u.a. 2014) aufgeführt:

Auch hier findet sich ein Beispiel für die Relevanz von Arbeitsbedingungen an Hochschulen: Familienfreundliche Terminsetzungen und Konferenzzeiten kennt nur 1/3 der befragten Beschäftigten, gleichzeitig liegt darin für etwa der Hälfte der größte ungedeckte Bedarf. Wo familienfreundliche Terminsetzungen vorhanden sind, wirken sie sich aber förderlich auf die Produktivität aus. Die Befragung des wissenschaftlichen Personals hat zudem ergeben, „dass die überwiegende Mehrheit der Befragten die Schaffung langfristiger beruflicher Perspektiven als eines der wichtigsten Aufgabenfelder für eine familienfreundlichere Hochschule ansieht”. Insgesamt gesehen mit der Familienfreundlichkeit „‚Zufrieden‘ bis ‚voll und ganz zufrieden‘ ist lediglich ein Viertel der Befragten”.

Als Haupterkenntnis wurde daher festgehalten: „Das Ziel, familienfreundlich zu sein, ist in der Praxis an den Hochschulen noch nicht erreicht.” Angesichts dessen ist die Frage naheliegend: In welcher Relation steht z.B. das inzwischen an sehr viele Hochschulen verliehene Audit „Familiengerechte Hochschule” zu den dargestellten empirischen Ergebnissen? 

Zusammenfassend werden die hier vorgestellten empirischen Ergebnisse nun zu prägnanten Thesen verdichtet, die auch für den nächsten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs mit dem Schwerpunktthema Vereinbarkeit von Beruf und Familie Relevanz haben dürften. 

Fünf Thesen zur Situation von Nachwuchsforschenden mit Kind in Deutschland:

1. Elternschaft ist bei Nachwuchsforschenden deutlich seltener ausgeprägt als bei Akademiker(inne)n bzw. Hochschulabsolvent(inn)en allgemein.

2. Elternschaft ist v.a. bei Nachwuchsforschenden in Deutschland deutlich seltener ausgeprägt als in vielen anderen europäischen Ländern; die Herausforderung betrifft also keineswegs die Wissenschaft allgemein, sondern spezifisch die in Deutschland. Außerdem ist Elternschaft vor allem an Universitäten seltener im Vergleich zu Fachhochschulen.

3. Arbeitsbedingungen, wie z.B. Befristung, Vollzeit vs. Teilzeit und familienfreundliche Terminsetzungen, sind bedeutsamer als bisher vielfach angenommen für Elternschaft und Vereinbarkeit.

4. Die Bedeutung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist in Relation zu Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft eher geringer.

5. Audits wie „Familiengerechte Hochschule” sind politisch ein wichtiges Signal und ein erster Schritt zur Verbesserung, aber: Ihre Aussagekraft für die wahrnehmbare Realität der Eltern vor Ort ist angesichts der dargestellten empirischen Ergebnisse derzeit fraglich.

 

PS: Für die vollständigen Datenquellen vgl. den ausführlicheren Beitrag des Autors in der Zeitschrift „Die Hochschule“ 2/2014 (www.diehochschule.de).

 

Autor: Dr. René Krempkow

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 07.09.2015

Sehr geehrter Herr Krempkow,
Bitte überbewerten Sie das Audit nicht. Eine Universität und ein Uniklinikum in Baden-Württemberg werden z. B. keine Folge-Zertifizierung durchführen. Ziel der ersten Zertifizierung war evtl. ein family-washing, um bei irgendwelchen Anträgen besser dazustehen. Beim Folgeantrag muss nachgewiesen werden, dass man am Thema "weiter gearbeitet" hat. Das ist dann wohl zu viel verlangt.
Zitat: "Jedes Verfahren endet mit einer Zielvereinbarung, die Grundlage für die Begutachtung und Bestätigung des Zertifikats ist. Solange ein Arbeitgeber das Zertifikat zum audit berufundfamilie tragen möchte, muss er sich einer externen Überprüfung im Rahmen einer Re-Auditierung unterziehen."

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