Kind und Promotion

Prof. Dr. Manfred Thüring

Vor diese Wahl sehen sich viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gestellt, denn beides miteinander zu vereinbaren, erscheint oft als unmöglich. Der Grund hierfür liegt nicht nur in den knappen finanziellen Mitteln, mit denen die meisten Promovierenden auskommen müssen, sondern auch im Zeitaufwand, den die Gleichzeitigkeit von Familiengründung und Karriere erfordert.  Sollen Kinder trotz wissenschaftlicher Karriere möglich sein, wird eine Nachwuchsförderung benötigt, die auf die speziellen Bedürfnisse von Promovierenden mit Kinderwunsch zugeschnitten ist. Wie eine solche Förderung gestaltet werden kann, zeigt das Beispiel des interdiziplinären Graduiertenkollegs „Prospektive Gestaltung von Mensch-Technik-Interaktion“ (prometei), das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für neun Jahre finanziert wurde.

In der ersten Förderperiode des Kollegs hatte sich gezeigt, dass Stipendiat(inn)en, die während der Promotion Eltern werden, erheblichen Mehrbelastungen ausgesetzt waren, die ihre Forschungsarbeit erschwerten und verzögerten. Glücklicherweise gab es in der zweiten Förderperiode die Möglichkeit sog. Gleichstellungsmittel zu beantragen, um familienfreundlichere Rahmenbedingungen für die Promovierenden zu schaffen. Diese Mittel wurden in der zweiten Förderperiode für eine Reihe zentraler und dezentraler Maßnahmen eingesetzt, um junge Eltern aus dem Kreis der Stipendiat(inn)en gezielt zu unterstützen:

  • Einrichtung und Betrieb eines Kinderzimmers in den Räumlichkeiten des Graduiertenkollegs,
  • Umsetzung eines Betreuungskonzepts, das den Eltern sowohl erlaubte, ihre Kinder mitzubringen und vor Ort versorgen zu lassen, als auch auf Betreuung außerhalb der prometei Räume zurückzugreifen,
  • Beschäftigung von zusätzlichen Forschungsstudent(inn)en, die ausschließlich für die Eltern eingesetzt wurden, um sie von Routinetätigkeiten (wie z.B. Literaturrecherchen, Versuchsdurchführungen etc.) zu entlasten.

Finanziell wurden die Eltern zusätzlich durch einen Familienzuschlag zum Stipendium unterstützt und ihr dreijähriges Stipendium wurde um ein Jahr verlängert.

Die Betreuungsmaßnahmen stießen auf eine rege Nachfrage und hohe Akzeptanz. Während der Förderung wurden 14 Stipendiat(inn)en Eltern. Insgesamt wurden 15 Kindern geboren, 11 davon nach Einführung der genannten Gleichstellungsmaßnahmen in der zweiten Förderperiode. Von den jungen Eltern brach niemand die Promotion ab. Bis auf vier Stipendiat(inn)en beendeten alle ihre Promotion während der Laufzeit des Kollegs, die anderen planen dies für 2015.

Diese Zahlen machen deutlich, dass Kinderwunsch, Familiengründung und Promotion durchaus vereinbar sind, wenn gezielte Unterstützungsmaßnahmen ergriffen werden. Vor diesem Hintergrund bekommt der Begriff „Nachwuchsförderung“ eine neue, zweite Konnotation.

Prof. Dr. phil. Manfred Thüring ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie und Arbeitswissenschaft im Fachgebiet Kognitionspsychologie & Kognitive Ergonomie der Fakultät V Verkehrs- und Maschinensysteme an der Technischen Universität Berlin. Er war Sprecher des ausgelaufenen DFG-Graduiertenkollegs "prometei" von 2006 bis 2014. 

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