Konkrete Vorschläge sind gefragt

Prof. Dr. Jutta Allmendinger

Im Januar 2015 wurde Frau Prof. Dr. Jule Specht, Mitglied der Jungen Akadmie, mit dem Wissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin ausgezeichnet. Im Roten Rathaus hielt ich die Laudatio in Form eines Interviews. Es ging um die Inhalte von Jule Spechts Forschung: Entwicklungspotenziale im Alter. Ganz am Ende erlaubte ich mir eine persönliche Frage: „Frau Specht, Sie bekamen Ihr erstes Kind mit 18, das zweite mit 21. Ich habe mein Kind mit 38 Jahren bekommen, was damals sehr leicht war: Ich war beamtete Professorin und hatte eine Mutter, die bereits im Ruhestand war und sich kümmern konnte. Sind Beruf und Familie nicht ungleich anstrengender und schwieriger zu koordinieren, wenn man so jung, ohne sichere Beschäftigung, ohne die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten und wahrscheinlich auch ohne Eltern mit viel freier Zeit Kinder bekommt? Hat die Unsicherheit in der Karriereentwicklung von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Sie damals nicht sehr beschäftigt?“

Jule Specht antwortete klar und ohne Zögern: „Kinder kann man in jedem Alter bekommen.“ Gerne hätte sie diesen Punkt ausgeführt, auf die Vorteile von Kindern während des Studiums verwiesen und auch Nachteile von „späten“ Geburten hervorgehoben, wie sie mir hinterher sagte. Kaum hatte sie aber den Satz „Kinder kann man in jedem Alter bekommen“ ausgesprochen, erntete sie fast frenetischen Applaus. Dieser hielt so lange an, dass ich diese Aussage als Schlusswort stehen ließ.

Viele Aspekte blieben deshalb außen vor. Ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entweder sehr früh oder sehr spät gut möglich? Liegen die Schwierigkeiten hauptsächlich in den Jahren dazwischen? Wie kann der Wissenschaftsbetrieb hier helfen? Können Kinder mit den immer wichtigeren Maßzahlen zur Anzahl von Artikeln in internationalen, referierten Journals, den Zitationsindizes und den Impact Scores verrechnet werden, die immer wichtiger werden in der Karriere? Diese Fragen müssen beantwortet werden. Verhandelt haben wir sie lange genug.

Die Unterstellung, dass sich berufliche, insbesonders quantitativ gemessene Leistungen unabhängig von der Familienbildung vollbringen lassen, sind empirisch nicht haltbar. Zudem wird klar, dass es hier nicht nur um Mütter geht. Auch Väter nehmen gerade in der Wissenschaft ihren Anteil an der Kindererziehung immer ernster.

Ich wünsche mir, dass solche Fragen in diesem Blog nicht aufs Neue allgemein behandelt werden, sondern konkrete Vorschläge entwickelt werden.

Prof. Dr. Jutta Allmendinger ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 Honorarprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Berlin. 2014 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Tampere. Sie ist Mitglied zahlreicher Akademien, Gremien und Beiräte, darunter die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. 2009 wurde sie mit dem „Communicator Preis – Wissenschaftspreis des Stifterverbandes“ ausgezeichnet, 2011 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin und 2013 mit dem Schader-Preis der Schader Stiftung. Am 4. Oktober 2013 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Jutta Allmendinger ist Autorin zahlreicher Bücher, darunter „Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen“ (2009), „Verschenkte Potenziale? Lebensverläufe nicht erwerbstätiger Frauen“ (2010) und „Schulaufgaben. Wie wir das Bildungssystem verändern müssen, um unseren Kindern gerecht zu werden“ (2012).

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 16.08.2015

Es gibt drei konkrete Vorschläge hier, die helfen können: 1. Unbefristete Stellen im Mittelbau. Wer Kinder hat, hat einfach weniger Zeit und kann längere Zeit nicht mit kinderlosen Spitzenleuten konkurrieren - und will das auch irgendwann nicht mehr, spätestens wenn man nach Jahren nicht mehr leugnen kann, dass so sowohl Familie als auch die berufliche Laufbahn leiden, während man selbst permanent am Rande der Erschöpfung kämpft. Solange das ganz System aber auf "Up or Out" baut, bedeuten Kinder heutzutage zwangsläufig das Karriereende mindestens für einen der Partner (i.d.R. die Frau und/oder den Partner mit der prekäreren Stelle). Nur wenn das "Up or Out" abgeschafft wird und man trotz abfallender Leistung nicht sofort wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wird, können Eltern (die sich nennenswert an der Erziehung der Kinder beteiligen) in der Wissenschaft überleben.

2. Unbefristete Stellen im Mittelbau: Wer Kinder hat, kann nicht einfach alle 1-2 Jahre umziehen oder eine Fernbeziehung führen.

3. Unbefristete Stellen im Mittelbau: Wer Kinder hat, muss darauf bauen können, dass das Familieneinkommen, Krankenversicherung usw. dauerhaft gesichert sind. Das geht nicht mit einem befristeten Vertrag und ggf. sogar sozialversicherungsfreiem Stipendium.

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