Kritische Befunde zur Elternschaft von jungen Wissenschaftler/innen

Prof. (A.D). Dr. Sigrid Metz-Göckel

Was vor 20 Jahren noch unvorstellbar war, nämlich ein Kulturwandel der Universitäten in Richtung Familienfreundlichkeit, ja Familien-Mitverantwortlichkeit, ist gegenwärtig auf der Tagesordnung fast aller Hochschulen.

Die Berichte der Mitgliedsuniversitäten an die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu den forschungsorientierten Gleichstellungsstandards belegen eine Ideenvielfalt und sensationelle Zunahme der Betreuungsangebote für die Kinder der Universitätsangehörigen, für die Eltern unter den Studierenden, des Verwaltungs- und des wissenschaftlichen Personals. Die Angebote reichen von regulären Kita-Plätzen bis zu temporären Betreuungsangeboten bei Tagungsbesuchen, Krankheitsfällen, Ferienzeiten und sonstigen Ausnahmefällen.

Leise zeichnet sich auch ein Wandel in der Vorstellung von der wissenschaftlichen Persönlichkeit ab, weg vom männlichen Individuum, der als Familienvater alle Sorge- und Betreuungsleistungen an die Mutter der Kinder delegieren konnte, hin zu einem Elternpaar, bei dem beide berufstätig sind und sich auch die Kinderbetreuung aufteilen (Dual Career Paar). Und Trotzdem ist das Bisherige bei Weitem nicht genug.

Die einzelnen Beispiele von Wissenschaftlerinnen mit mehreren Kindern sind bewundernswert, aber weit davon entfernt, die Regel zu sein. Der 7. Familienbericht spricht zu Recht von der Rush Hour im Leben der 30-45 Jährigen. Für die Wissenschaftler/innen gilt dies umso mehr, als sie in dieser Lebensphase wichtige Qualifikationsleistungen zu erbringen haben und die generativen Entscheidungen anstehen. Zeit ist eine knappe Ressource im Leben von Wissenschaftler/innen, besonders als Eltern.

Eine Folge ist, dass vor allem die Frauen in der Wissenschaft diese Entscheidungen hinausschieben oder unterlassen. Insgesamt ist von einer dramatischen Kinderlosigkeit des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professuren auszugehen. Im Alter zwischen 30- und 42 Jahren haben die Frauen etwas häufiger (32%) als die Männer (30%) Kinder, im Alter zwischen 43-und 53 Jahren sind es die Männer (85%), die häufiger Kinder haben als die Frauen (51%).

Kinder soll man erst kriegen, wenn es passt. Damit es passt, bedarf es einer ‚passenden Partnerschaft‘, und einigermaßen stabiler materieller Verhältnisse. Fast 90% des wissenschaftlichen Mittelbaus sind befristet, 50% der Männer und zwei Drittel der Frauen in Teilzeit beschäftigt. Die Teilzeitbeschäftigung ist in den Hochschulen nicht ‚familiär‘, sondern ökonomisch begründet. Die De-Regulierung und Flexibilisierung der Beschäftigung hat auch die Universitäten erreicht und nicht zu ihrem Besten.

Für die Frauen gilt, dass ihr Drop-Out aus der Wissenschaft in der Post-doc-Phase besonders hoch ist, die meisten sind auch mit einem beruflich engagierten Partner verbunden. Damit eine wissenschaftliche Karriere von Frauen im Zusammenleben mit Kindern möglich wird, sind ein unterstützender Partner und zeitlich flexible wie verfügbare Eltern in der Nähe ganz entscheidend sowie eine einigermaßen sichere finanzielle Basis in längerer Perspektive. Der Hebel für die Universitäten wäre es daher, vor allem für eine Verstetigung der Beschäftigung im wissenschaftlichen Mittelbau zu sorgen.

 Sigrid Metz-Göckel/Kirsten Heusgen/Ramona Schürmann/Petra Selent (2014): Karrierefaktor Kind. Zur generativen Diskriminierung im Hochschulsystem. Opladen: Barbara Budrich-Verlag.

Sigrid Metz-Göckel, Prof. Dr. phil. i.R.; Studium der Soziologie und Psychologie in Frankfurt und Gießen. Von 1976 bis 2005 Hochschullehrerin und Leiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums der Universität Dortmund. Veröffentlichungen zur Hochschul-, Frauen- und Geschlechterforschung. Sie ist Mitglied der Redaktion von „Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft“ und hat 2004 die Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ errichtet. 

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