Meine berufliche Sicht: Kreativität braucht den ganzen Menschen

Dr. Enno Aufderheide

Schon als kaum jemand von „Familie und Beruf“ oder „work-life-balance“ sprach, waren zu den Jahrestagungen der Alexander von Humboldt-Stiftung stets die ganzen Familien unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten eingeladen. Beim Empfang der „Humboldtianer“ durch den Bundespräsidenten organisiert die Stiftung bereits seit  den 1960er Jahren ein Kinderprogramm.

Zugegeben: Damals bedeutete das meist, dass die männliche Stipendiaten ihre Frauen und Kinder mitbringen durften. Aber immerhin: Die Stiftung hatte erkannt, dass ihre Geförderten sich in Deutschland nicht willkommen fühlen konnten, wenn ihre Familien in dieses Willkommen nicht eingeschlossen waren.

Heute stellt sich die Aufgabe, nicht nur „Köpfe“ oder gar nur „Brains“ zu fördern, sondern Menschen mit ihren Lebensbedürfnissen, mit noch größerer Dringlichkeit: Immer mehr gelingt es Eltern, beide einer auch beruflichen Entfaltung ihrer Fähigkeiten nachzugehen und immer öfter lassen auch Alleinerziehende sich nicht entmutigen und verfolgen auch ihre wissenschaftlichen Ziele.

Als Stiftung versuchen wir, dem Raum zu geben – mit Dual Career Initiativen, Unterstützung für Partner und Kinder, die mit nach Deutschland kommen, Zuschüssen zur Kinderbetreuung oder mit Verlängerungsmöglichkeiten der Stipendien, wenn parallel Kinder betreut werden.

Und das tun wir nicht nur, weil es einfach schöner ist, Menschen mit ihren Familien kennenzulernen, und so viel leichter über alle Aspekte des Lebens ins Gespräch zu kommen. Sondern auch, weil wir wissen: Wer in Sorge um seine Familie, wer unter überbordendem Zeitdruck arbeitet, in dessen Kopf ist kaum Raum für die „Geistesblitze“ ohne die die großen Fortschritte in der Wissenschaft sich nur selten einstellen. Und wer der Wissenschaft den Rücken kehrt, weil sie nicht mit einem guten Familienleben vereinbar ist, von dem oder der kann die Wissenschaft gar nicht mehr profitieren. Dabei hätten wir vielleicht gerade diese Person gebraucht.

Meine private Perspektive: Der Preis, den wir als Familie dafür gezahlt hätten, eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen war ein wesentlicher Grund, warum ich nach der Promotion in die Verwaltung gewechselt bin. Aber auch wenn ich heute eine so schöne berufliche Aufgabe habe, dass ich mir auch in der Wissenschaft keine schönere vorstellen kann, möchte ich doch, dass andere sich freier entscheiden können.

Enno Aufderheide ist Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung seit 2010. Zuvor war er Leiter der Abteilung „Forschungspolitik und Außenbeziehungen“ der Max-Planck-Gesellschaft in München und Geschäftsführer für den Bereich „Wissenschaft“ der Helmholtz- Gemeinschaft. 

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