Nur Mut! Die Rahmenbedingungen muss man sich selber schaffen

Prof. Dr. Katharina Landfester

In Deutschland findet man auf gehobenen Posten in Forschung und Wirtschaft nur wenige Frauen, sei es mit oder ohne Kinder. Was ist das Problem?

Meiner Meinung nach gibt es leider immer noch viel zu wenige Vorbilder, an denen man sich als Frau positiv orientieren kann. Außerdem wird einem von so vielen aus unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft nicht gerade Mut gemacht, zu versuchen, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. Damit ein solches „Experiment“ eine Chance auf Erfolg bekommt, bedeutet es allerdings, dass man schon früh lernen muss, gegen den Strom anzuschwimmen, zu seinen Entscheidungen zu stehen und den Mut haben muss, den gewählten Weg zu verfolgen.

Zunächst war mein Plan, Griechisch und Geschichte zu studieren, doch kurz vor dem Abitur entschied ich mich dazu, Chemie zu studieren, ich wollte mir dieses Fach einfach zutrauen. Niemals habe ich während des Studiums einen Nachteil gehabt, weil ich eine Frau war. Allerdings schockierten mich einige Bemerkungen von Männern. So meinte ein Professor gleich am ersten Tag des Studiums, dass Frauen ja nur zum Heiraten hier seien. Solche und andere Kommentare von Professoren, Assistenten, Studenten, aber auch Bekannten und Nachbarn lernte ich zu überhören. Abgeschreckt haben sie mich zum Glück nie. Ich gebe zu, dass ich mir in dieser Hinsicht ein selektives Hören aneignen musste, um nicht immer wieder ins Zweifeln zu kommen, ob Frauen ein naturwissenschaftliches Studium wirklich schaffen könnten.

Zur Diplomarbeit ging ich dann nach Straßburg. Dort blieb ich für insgesamt neun Monate. Es war eine wunderbare Erfahrung, vor allem auch deshalb, weil die Franzosen viel offener Frauen im Beruf gegenüber waren und sind. Hier habe ich zum ersten Mal gesehen, dass es durchaus möglich ist, als Frau auch mit Familie erfolgreich sein zu können. Anschließend wechselte ich zur Promotion an das Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz.

Nach der Promotion entschloss ich mich dann, als Postdoktorandin in die USA zu gehen. Ich verbrachte 15 Monate an der Lehigh University (Bethlehem, Pennsylvania, USA); dort reifte der Entschluss, dass ich mich habilitieren und den Weg in der Forschung gehen wollte. In den USA habe ich einige bemerkenswerte Frauen als Vorbilder kennen gelernt. Für mich am eindruckvollsten war Diane Wittry, Dirigentin des Allentown Symphony Orchestra; sie hat mich tief beeindruckt und gezeigt, dass man sich einfach etwas zutrauen muss.

Zurück in Deutschland ging ich 1998 an das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung nach Potsdam, um dort meine Habilitation anzufertigen. Als Gruppenleiterin hatte ich zunächst drei Doktorandinnen. Wir waren wirklich ein sehr gutes Frauenteam!

Nach der Habilitation im Sommer 2002 habe ich mich auf Professorenstellen beworben und erhielt in der Tat bereits im Frühjahr 2003 den Ruf auf den Lehrstuhl für Organische Chemie III an der Universität Ulm. Zur Vertragsverhandlung ging ich zunächst nach Stuttgart ins Ministerium. Nach einer Stunde wagte ich zu fragen, wie es eigentlich mit einer Stelle für meinen Mann sei. Mein Gegenüber reagierte für mich völlig unerwartet und meinte: „Das ist das erste Mal, dass ich auf den Partner hier angesprochen werde. Ich finde das ganz toll!“ Ich war verblüfft, dass das in Deutschland möglich sein sollte und sich vielleicht bisher nur viel zu wenige getraut hatten, überhaupt zu fragen. Ermutigt durch diese Äußerung habe ich das Thema auch bei der Verhandlung mit dem Rektor der Universität angebracht und sogar meine Zusage von einer Stelle für meinen Mann abhängig gemacht. Mein Mann hatte als Arzt zum Glück schon sehr bald (unabhängig von meinen Verhandlungen) eine Stelle an der Uniklinik Ulm, so dass auch ich meinen Vertrag unterschreiben konnte. Der Anfang war gar nicht so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. Als Chemikerin hatte ich schon nach kurzer Zeit eine recht große Gruppe mit 20 DoktorandInnen, vier PostdoktorandInnen, fünf DiplomandInnen, fünf TechnikerInnen und zwei Sekretärinnen.

Im September 2006 wurde dann unsere Tochter Karolina geboren. Das hat natürlich auch mein Arbeitsleben entscheidend verändert. Angesichts der recht großen Gruppen war selbst an ein vorübergehendes Ausscheiden nicht zu denken. Vier Wochen arbeitete ich nur das absolut Notwendigste von zu Hause aus. Als Karolina zehn Tage alt war, empfing ich allerdings den ersten Besucher in der Uni, einen japanischen Professor. Nach vier Wochen war ich dann wieder regelmäßig an der Uni, und zwar mit Karolina. Ich nahm sie von Anfang an überall mit hin, zu Besprechungen, Sitzungen etc. Die Einführungsveranstaltung für Erstsemester hielt ich mit Karolina, was die Studenten nur kurzfristig verwunderte. Es war überhaupt kein Problem. In meinem Büro stellte ich ein Bett auf, in dem Karolina schlafen konnte. Da ich viele Industriekooperationen hatte, war es auch notwendig, zu den Industrievertretern zu fahren. So mussten Karolina und ich zum Beispiel nach London, wo wir vom Flughafen von einem Chauffeur abgeholt werden sollten. Allerdings war der Chauffeur offensichtlich nicht genau instruiert worden; er erwartete einen Herrn mit Namen „Landfester“. Umso erstaunter war er, als ich ihn ansprach, ob es sein könne, dass er auf mich warte. Er war völlig durcheinander und meinte nur: „I lost my mind“. Der Jaguar, mit dem wir dann gefahren sind, hatte sicherlich noch keinen Kindersitz (,den ich mitgebracht hatte,) gesehen.

Karolina und ich waren ein eingespieltes Team. Für drei Vorlesungsstunden des Wintersemesters konnte sich zunächst mein Mann frei nehmen, für zwei weitere hatte ich eine Betreuung engagiert. Wenn alle Stricke rissen, kam Karolina einfach mit in die Vorlesung. Dort schlief sie auf den Bauch gebunden im Tragetuch. Da ich für eine Konferenz in Lissabon keine Betreuung für Karolina organisiert hatte, nahm ich sie mit im Tragetuch auf die Bühne, um den Vortrag zu halten. Als ich begann, den Vortrag zu halten, wurden hunderte von Fotos gemacht; so ungewöhnlich war es!

Im Dezember 2007 ereilte mich dann ein Ruf vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz auf eine Direktorenstelle. Auch hier habe ich wieder für meine Familie mitverhandelt, auch wenn mein Mann das gar nicht „nötig“ hat. Er hat allerdings, und das muss ich ihm sehr hoch anrechnen, seine unbefristete Stelle aufgegeben, um mit nach Mainz zu ziehen. Am 1. September 2008 haben wir in Mainz begonnen. Meine Gruppe ist nun noch etwas größer, die Themen noch breiter.

Im Oktober 2009 wurde unsere zweite Tochter Isabella geboren. Auch als Direktorin eines Max-Planck-Institutes geht es, Kinder und Beruf miteinander sehr harmonisch zu verbinden. Bereits neun Tage nach der Geburt war Isabella das erste Mal im Institut, danach habe ich sie langsam in das Berufsleben „eingewöhnt“ und integriert; denn Isabella war natürlich wie ihre große Schwester bei allen beruflichen Terminen immer dabei.

Beim zweiten Kind ist alles schon viel „normaler“ geworden. Bei der Deutschen Forschungsgesellschaft musste man nur noch kurz sagen, dass man für eine Sonderforschungsbereich-Begutachtung um eine Kinderbetreuung bittet, zur Humboldt-Gesellschaft kam Isabella ganz selbstverständlich mit. Isabella war so schon früh in vielen deutschen Städten, aber auch in Granada, Florida und in Brasilien. Alle Reisen waren völlig problemlos. In die Kita ging Isabella, seit sie neun Monate alt war. Und wenn ich mit ihr verreiste und ich sie mitnahm, weil ich sie noch stillte, sagte ich in der Kita: „Isabella geht mal wieder auf Dienstreise“, was immer wieder zu einem Schmunzeln führte.

Nun sind die Kinder fünf und acht Jahre; in meinem Büro haben sie einen eigenen Schreibtisch mit vielen wichtigen Utensilien und erzählen manchmal schon von „Nanokapseln und Nanopartikeln“. Wenn ich auf Dienstreisen gehe, bleiben die Kinder meistens in Mainz und gehen in die Schule und die Kita; mein Mann kümmert sich dann fürsorglich um die Kinder. Nur manchmal nehme ich auch beide Kinder mit; die Fahrten mit der Bahn sind ein Erlebnis für beide und sie freuen sich immer sehr, das Spielzeug in anderen Kitas testen zu können und Karolina ist sehr stolz, für ihre kleine Schwester verantwortlich zu sein. So versuche ich immer, Kinder und Beruf gut unter einen Hut zu bekommen.

Ich will nicht verhehlen, dass es manchmal anstrengend sein kann, aber die Kinder geben einem so viel zurück. Es gibt Zeit für die Arbeit und es gibt jeden Tag wertvolle Zeit für die Kinder, in der wir spielen, basteln, musizieren, singen und viel lachen. In der Zeit zwischen 17 und 20 Uhr bin ich nur für die Kinder da. An Wochenenden arbeite ich nie. Wenn die Kinder abends schlafen, beginnen mein Mann und ich in gemütlicher Atmosphäre zu arbeiten. Und was passiert, wenn die Kinder krank sind? Natürlich können sie dann nicht zur Schule oder in die Kita gehen. Wenn sie nicht allzu krank sind, kommen sie mit ins Institut, ansonsten bleiben ich oder, wenn ich auf Dienstreise bin, die ich nicht absagen kann, mein Mann zu Hause. Insgesamt sind Karolina und Isabella zwei sehr aufgeweckte und fröhliche Mädchen.

Und was braucht man noch? Es gibt so unendlich viele Dinge: z.B. haben wir vom Institut den pme-Familienservice aktiviert. Dies ist eine Backup-Kita, in die die  Kinder kurzfristig gehen können (so kann ich die Kinder noch am Abend vorher für den nächsten Tag anmelden!), wenn in unserer eigentliche Kita mal wieder Teamtage, Streiktage oder andere unvorhergesehene Dinge auftreten. Ja, der Familienservice kümmert sich auch um die Kinder, wenn mein Zug auf der Strecke von Bonn nach Mainz liegen bleibt und ich nicht rechtzeitig die Kinder in unserer Kita abholen kann. Ein Anruf beim Familienservice genügt und die Kinder werden solange versorgt, bis ich wieder in Mainz bin.

Für mich ist dann noch mein täglicher Rucksack wichtig, der neben meinem Laptop und den zu lesenden Unterlagen immer mit Büchlein, Malstiften, Aufklebern, kleinen Spielen, aber auch einem Fieberthermometer, fiebersenkenden Mitteln und den Pässen der Kinder bestückt ist. So habe ich eine Grundversorgung mit dabei, so dass die Kinder auch unvorhergesehen zu Terminen mitkommen können, auf Reisen unvorhergesehenes Fieber gemessen und behandelt werden kann. Man lernt: war ich nämlich einmal mit einer glühenden Karolina auf Dienstreise in Dresden, aber eben ohne Thermometer und Fiebermittel und mein Mann hat über Telefon von Ulm aus einen Taxifahrer zur Apotheke geschickt, der mir dann die entsprechenden Dinge gebracht hat; es geht alles.

Ich kann jeder Frau nur Mut für einen Weg in höhere Positionen machen: Erstens geht mehr als man denkt und zweitens man muss sich trauen, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Wie oft habe ich schon gehört: „Ach, toll, dass Sie das machen, ich hätte mir das nicht zugetraut“. Man muss sich in der Tat zutrauen, ungewöhnliche Dinge zu tun.

Prof. Dr. Katharina Landfester ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Polymerforschung. Sie erhielt 2001 den Reimund-Stadler-Habilitandenpreis der Fachgruppe Makromolekulare Chemie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und war von 2002 bis 2007 Mitglied der Jungen Akademie.

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