Ohne den richtigen Partner geht es nicht

Prof. Dr. Indra Spiecker genannt Döhmann

Wissenschaft und Familie sind je nach Disziplin und Ausrichtung unterschiedlich gut miteinander vereinbar. Grundsätzlich gilt, dass Labor- und experimentelle Tätigkeiten - auch außerhalb der Wissenschaft - geringe Flexibilitäten zulassen.

Andererseits ist Wissenschaft, wenn solche Bindungen nicht bestehen, prinzipiell durchaus familienfreundlich: Anwesenheitspflichten sind gering ausgestaltbar und oft berechenbar; Publikumsverkehr kann gebündelt werden (Sprechstunden; Gremientage; Vorlesungszeiten). Allerdings bedarf es eines Umfelds, in dem auf die familiären Verpflichtungen nicht nur äußerlich eingegangen wird, sondern die gesamte Atmosphäre auf Kernzeiten, Vorhersehbarkeit, Planbarkeit ausgerichtet ist.

Je diffuser Anforderungen seitens Vorgesetzter sind, und je weniger diese ihrerseits nach den Maximen von Planbarkeit und Vorausschaubarkeit agieren, umso weniger leicht fällt die Doppelbelastung von Karriere und Kindern. Klar muss aber immer sein, dass Kinderbetreuung und deren Organisation nicht Aufgabe des Arbeitgebers und der Kollegen sind; seitens des Wissenschaftlers darf der familiäre Rahmen nicht zur nach außen eingeforderten obersten Handlungsmaxime werden: Damit werden speziell Frauen schnell als unbelastbar und unprofessionell wahrgenommen. Zudem bedarf es eines Partners mit ähnlichen Rahmenbedingungen, der sich in vergleichbarer Weise bindet. Dies setzt eine hohe Selbstdisziplin und ein gutes Organisationsvermögen voraus sowie die Fähigkeit, sich abzugrenzen und mit Selbstbewußtsein Optionen abzulehnen.

Erfahrungen und Hinweise

Im Rückblick erscheinen Lebensläufe und Werdegänge zumeist strukturiert, planvoll und konsequent. Allerdings gilt eine alte Weisheit der Psychologen: Hinterher ist man immer schlauer.

Eine andere Erkenntnis der Psychologie besagt, dass viele Entscheidungsmaximen situationsabhängig funktionieren. Daher gilt: Blicken Sie auf die Strukturen, die zu Werdegängen geführt haben - nicht auf einzelne Schritte. Behalten Sie Ihre Persönlichkeit und Ihre Rahmenbedingungen im Blick: Denn beteiligt sind zumeist mindestens drei Personen: Sie selbst, Ihr Partner und Ihr Chef - und jeder von diesen bringt seine eigenen Vorerfahrungen, Entscheidungsmaximen und Unwägbarkeiten ein.

Ganz in diesem Sinne können die folgenden Überlegungen nur ein Meta-Wissen über die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft vermitteln.

  • Hilfe suchen und annehmen; Erfahrungen von Älteren auf die eigene Situation wenden; strukturelle und persönliche Weiterbildung jenseits des Fachlichen suchen
  • Sich nicht an Nicht-Förderern abarbeiten, den Förderern dankbar sein
  • Betreuer sorgfältig aussuchen
  • Verbündete und Gleichgesinnte suchen für wechselseitige Überprüfung und Anregung.
  • Strategisch denken: Klare Ziele und Zwischenziele samt Weg dahin formulieren und regelmäßig kontrollieren. Realistischen Zeitplan machen und einhalten.
  • Neigungen pflegen, ohne das Pflichtprogramm (Qualifikationsarbeiten) zu vernachlässigen
  • Mut zum Ungewöhnlichen: Aushalten der Andersartigkeit, privat und beruflich
  • Plan B haben, mit dem man gut leben kann; Ausstiegsoptionen prüfen und offen halten
  • Einen richtigen Partner finden: Förderung und Unterstützung, klare Absprachen
  • Gesunde, professionelle Distanz zum Beruflichen wahren: Kinder, Eltern, Partner und Freunde  als Gegengewicht
  • Selbst- und Fremddisziplin: Verbindlichkeiten und Berechenbarkeiten für sich und andere schaffen (auch organisatorisch); eigene Bedürfnisse (beruflich und privat) auch gegenüber sich selbst durchsetzen
  • Keine systematische Selbstausbeutung; Urlaube und Auszeiten einplanen
  • Chancen ergreifen: auf das eigene Potential vertrauen
  • Gezielt über Erfolge freuen: Sie sind nicht selbstverständlich und haben genauso viel Beachtung wie Misserfolge verdient.
  • Gegen stille Diskriminierungen, Konkurrenz und Neid gewappnet sein. Akzeptieren Sie, dass nicht immer alles glatt läuft. Wehren Sie sich professionell und verschaffen Sie sich Respekt.
  • Erwartungen durch andere und sich selbst deutlich formulieren und kritisch überprüfen: Wollen Sie wirklich überall Bestleistungen erbringen? Was ist jetzt wichtig, was kann warten?

Diese Überlegungen sind im Wesentlichen die Ergebnisse meiner eigenen Erfahrungen, vieler Gespräche als Mentorin und "frauenbewegte" Wissenschaftlerin und der Versuche, die überwiegend persönlichen Erkenntnisse aus all´ dem zu verallgemeinern - soweit das überhaupt geht. Meine zentrale Erfahrung ist und bleibt, dass es ohne meinen Mann nicht und schon gar nicht so gegangen wäre. Seine praktische Unterstützung und Verlässlichkeit waren und sind mein Rückgrat - ebenso wie seine emotionale Begleitung und sein Stolz auf seine Frau. Außerdem sind unsere sieben Kinder sämtlich gesund und belastbar und scheinen die Berufstätigkeit beider Eltern erstaunlich gut zu verkraften.

Prof. Dr. Indra Spiecker genannt Döhmann, LL.M. (Georgetown Univ.), hat an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Informationsrecht, Umweltrecht und Verwaltungswissenschaften inne. Außerdem ist sie Direktorin der Forschungsstelle Datenschutz sowie des Instituts für Europäische Gesundheitspolitik und Sozialrecht, Ineges.

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