Partnerschaftlichkeit in der Familie und in der Gesellschaft

Prof. Dr. Gesine Schwan

Einen anspruchsvollen Job mit der Sorge um Kinder zu vereinbaren, muss möglich sein! Das sage ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und spreche dabei auch aus eigener Erfahrung. Ich habe selbst eine berufliche Karriere mit der Sorge für Kinder vereinbart. Ich weiß, wie anstrengend diese Vereinbarkeit sein kann. Ich weiß aber auch, wir sehr es die ganze Person fordert und fördert, in beiden Welten – der privat-familiären und der beruflich-professionellen – zu leben. In meinem beruflichen und politischen Engagement habe ich daher in den vergangenen Jahren das Thema der partnerschaftlichen Familie als öffentliches Gut zu einem meiner wichtigen Anliegen gemacht. (Link zu unserem Leitbild www.governance-platform.org/wp-content/uploads/2015/01/HVGP_LeitbildFamilienpolitik-DE_20150127.pdf)

Als Wissenschaftlerin habe ich häufiger von Geschichten wie zum Beispiel dieser gehört: Eine junge Kollegin berichtet, sie habe der Direktorin ihres Instituts mitgeteilt, dass sie ihr zweites Kind erwartete.  An diesem Institut ist sie als  Nachwuchsgruppenleiterin tätig. Die Direktorin zog die Augenbrauen hoch und meinte, wie sie das denn schaffen wolle, das würde ja sicher sehr schwierig werden.

Forschungen haben ergeben, dass solche Geschichten von schlechten Erfahrungen einen negativen Effekt auf die Karriere-Hoffnungen des Nachwuchses haben. Bereits die ganz persönliche Einschätzung mangelnder Vereinbarkeit führt dazu, diese für schwierig, wenn nicht für unmöglich zu halten. Wenn zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen im Umfeld große Probleme mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie gehabt haben, werden diese Eindrücke in die Einschätzung der eigenen Situation unmittelbar integriert. Dabei hängen Möglichkeiten und Chancen in Wirklichkeit sehr von den individuellen Umständen ab. Wenn z.B. die Chefin oder der Chef Unterstützung zusichern, Kolleginnen und Kollegen positiv reagieren und dazu die Förderangebote wie z.B. Mentoring, in Anspruch genommen werden können, gibt es durchaus eine gute Chance auf eine gelingende Vereinbarkeit.

Dazu möchte ich noch einmal den Gedanken der Partnerschaftlichkeit einbringen. Partnerschaftlichkeit ist für ein gelingendes Familienleben zwischen den Partnern wichtig – Partnerschaftlichkeit geht aber über diese persönliche und intime Beziehung hinaus. Familien brauchen auch partnerschaftliche Angebote von Institutionen und Unternehmen. Um Kinder großzuziehen, so sagt ein afrikanisches Sprichwort, braucht es ein ganzes Dorf. Auf unsere moderne Gesellschaft übertragen kann man sagen, um heute Kinder großzuziehen, braucht es eine partnerschaftlich denkende und empfindende Gesellschaft, die Familien fördert und unterstützt.

Vieles spricht dafür, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrem Versuch, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, genauso auf Schwierigkeiten stoßen wie andere Arbeitnehmer. Die bundesdeutsche Arbeitswelt ist trotz der breiten Diskussion um das Thema Vereinbarkeit noch immer nicht als kinder- und familienfreundlich bekannt. Einige Faktoren des Wissenschaftsbetriebs und des Selbstverständnisses der Zunft mögen zunächst sogar erleichternd wirken: Relativ flexibel planbare Tagesabläufe zum Beispiel, oder die an manchen Unis inzwischen etablierten Familienbüros. Aber eine wissenschaftliche Karriere birgt einige branchenspezifische Schwierigkeiten, die zusammengenommen wohl dazu führen, dass so viele Beschäftigte in diesem Bereich derzeit auf Familie verzichten müssen – oder zumindest glauben, dass die Gründung einer Familie ihre Existenz als Wissenschaftler in Frage stellt. Fünf spezifische Problemlagen möchte ich benennen:

Erstens kann man in der Wissenschaft noch schwieriger Auszeiten nehmen, als in anderen Berufen. Es gilt, am aktuellen Forschungsgeschehen möglichst nah dran zu bleiben und dabei auch noch durchgehend zu publizieren. Der sukzessive Abbau des Mittelbaus zwingt fast alle Nachwuchswissenschaftler in ein Rennen um wenige feste Stellen: Lücken im Lebenslauf sind aus Sicht von Berufungskommissionen dabei nicht akzeptabel.

Zweitens erfordert der Wissenschaftler-Beruf eine hohe Mobilität: Nicht nur im Alltag, aufgrund der vielen Konferenzen und auswärtigen Verpflichtungen, sondern vor allem im Hinblick auf den zukünftigen Arbeitsort. Wer sich auf eine der wenigen Professuren bewirbt, muss örtlich vollkommen flexibel und möglichst ungebunden sein. Immerhin haben die Universitäten das Problem erkannt und bemühen sich, den Familienumzug oder die Arbeitsplatzsuche für den Partner zu erleichtern – dies geschieht in der Regel aber erst nachdem eine bestimmte Hierarchiestufe erreicht wurde und hilft den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern oft noch nicht.

Drittens zeichnet sich im akademischen Bereich ein Trend zur immer kürzer befristeten Beschäftigung ab. Gleichzeitig bleibt für eine Karriere die Anforderung nach einem kontinuierlichen, sinnvoll aufgebauten Forschungs- und Lehrprofil bestehen. Unter der Schwierigkeit, diesen Spagat zu meistern, leiden diejenigen, die besonders auf existentielle Sicherheit angewiesen sind, also gerade die Familienmütter und –väter.

Viertens: Sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Reisen oder arbeiten sie unter Hochdruck an einem Projektabschluss oder an einer Publikation, brauchen sie zudem ausreichende und flexible Betreuungsmodelle. Die sind zumeist teuer während die Löhne in der Wissenschaft insbesondere in den Qualifizierungsphasen nicht allzu hoch sind. So bleiben oft nur private Lösungen, die aufgrund der hohen Mobilitätsanforderungen vor Ort nicht immer herstellbar sind.

Schließlich bergen fünftens auch die neuen Nachwuchsförderinstrumente, wie z.B. die Juniorprofessuren und die Nachwuchsgruppenleiterstellen, trotz aller offensichtlichen Vorteile gewisse Risiken: Wer im Rahmen einer Fünfjahres-Stelle eigenständig forscht und lehrt, aber keinen tenure-track-Anschluss in Aussicht hat, der gerät angesichts der hohen beruflichen Anforderungen bei der Geburt eines Kindes, bei Pflegebedürftigkeit oder dem Tod eines nahen Angehörigen schnell in Zeitnot, erhält aber im akademischen System nicht immer Aufschub und Unterstützung.

Insgesamt kann man festhalten: Wissenschaft und Familie sind nur unter optimalen Bedingungen, unter großen Anstrengungen und dem emotionalen Aushalten besonders unsicherer Berufsperspektiven vereinbar. Unser gemeinsames Ziel sollte sein, dass unser wissenschaftlicher Nachwuchs nicht mehr vor der Entscheidung zwischen Job und Familiengründung steht. Dazu brauchen wir neben sicheren und ausreichend bezahlten Arbeitsverhältnissen auch eine neue Kultur innerhalb unserer Zunft: Junge Familien brauchen unsere Wertschätzung und unsere Unterstützung.

Am Ende noch ein positives Beispiel: Eine junge Forscherin berichtete, ihr Habilitationsbetreuer habe sich sehr mit ihr gefreut und ihr dazu gratuliert, dass sie schnell ein weiteres Kind haben wolle – seine Unterstützung habe sie! Auch diese Geschichten gibt es. Entsprechend würde ich mir für die erste Kollegin folgendes Szenario wünschen: Die Direktorin freut sich, gratuliert, ist stolz darauf, dass sie ihr Institut bald noch familienfreundlicher präsentieren kann und versichert der jungen Kollegin, dass das Institut alles tun wolle, damit sie diese Herausforderung meistern könne. Wenn wir mehr solcher Geschichten erzählen könnten, würde das den Nachwuchs ermutigen. Ich bleibe jedenfalls dabei: Es muss im Interesse der gesamten Gesellschaft möglich sein, dass Frauen und Männer ihr Familienleben mit einer anspruchsvollen Tätigkeit vereinbaren können. Ich wünsche mir dafür ein breites Verständnis von Partnerschaftlichkeit, sowohl innerhalb von Familien, als auch als eine gesellschaftlich gelebte Verantwortung füreinander.

Prof. Dr. Dr. h.c. Gesine Schwan ist Präsidentin der HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform. Sie ist Mitglied u.a. im Senat der Max-Planck-Gesellschaft und im Kuratorium des Wissenschaftszentrums Berlin.

 

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