Promotion und Elternzeit/-geld

Verfasst von
Anonym

Erst nach der Entscheidung ein Kind während der Promotion zu bekommen, wurde mir und meinem Partner bewusst, wie wichtig die Art der Anstellung für den Erhalt staatlicher Förderungen wie Elterngeld oder -zeit ist. Doktoranden, die über ein Stipendium bezahlt werden, erhalten kein einkommensabhängiges Elterngeld, da Stipendien hierbei grundsätzlich nicht berücksichtigt werden. Auch die Anstellung mit einem Jahresvertrag birgt offensichtliche Nachteile, besonders wenn der Vertrag während der Schwangerschaft ausläuft. Im ungünstigsten Fall führt ein nicht verlängerter Vertrag dazu, dass sich die Mutter während des Bezugs des Elterngelds zusätzlich selbst krankenversichern muss.

Auf diese Missstände möchte ich vor allem hinweisen, weil ich die persönliche Erfahrung gemacht habe, dass die Promotionsphase ein sehr guter Moment sein kann, um als Wissenschaftler(in) ein (oder mehrere) Kind(er) zu bekommen. Meist ist die Gestaltung der Arbeitszeiten überaus flexibel und das Projekt hängt hauptsächlich von der eigenen Person ab. Besonders in der Abschlussphase entstehen oft Wartezeiten, z.B. durch Vergabe von Prüfungsdaten oder den Prozess des Reviews von Publikationen, die auch als Elternzeit genutzt werden könnten.

Die Anstellung während der Promotion erfolgt meist auf Teilzeitverträgen; dies muss jedoch nicht unbedingt ein Nachteil sein, wenn man das System zu seinen Gunsten nutzt. So erhielt mein Partner kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter seinen Doktortitel und konnte danach als Postdoc weiter auf seiner Stelle bleiben. Bei gleichem Gehalt bedeutete dies eine Halbierung der Arbeitszeit - perfekte Voraussetzung für die Aufgaben als moderner Familienvater!

Zusätzlich hat man Anspruch auf den Grundsatz von 300 Euro Elterngeld pro Monat, wenn die wöchentliche Arbeitszeit 30 Stunden nicht überschreitet - eine willkommene Finanzspritze, um zusätzliche Kosten wie Kinderbetreuung oder eine Haushaltshilfe zu finanzieren.

Während ich mit meinem ersten Kind direkt nach dem Mutterschutz weitergearbeitet habe, plane ich nun beim zweiten Kind tatsächlich ein Jahr Elternzeit und Elterngeld in Anspruch zu nehmen, um in dieser Zeit ohne äußeren Druck meine Doktorarbeit zu schreiben und mich auf deren Verteidigung vorzubereiten. Das staatliche „Funding“ durch das Elterngeld ermöglicht es mir, die Abschlussphase meiner Arbeit flexibel und nach meinen eigenen Wünschen zu gestalten. Mein Betreuer kann die Promotionsstelle neu besetzen, da ich im Prinzip eine eigenständige Finanzierung mitbringe.

Mein Fazit: Wie gut sich Kinderwunsch und Doktortitel vereinbaren lassen, hängt sehr stark von der jeweiligen Beschäftigungssituation und dem guten Willen des Betreuers ab. Obwohl die Promotionsphase ein guter Zeitpunkt für die Familiengründung sein kann, erfordert es besonderen Mut (oder Naivität) mit einem bald auslaufenden Jahresvertrag schwanger zu werden.

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 11.07.2015

Nachtrag: die Besonderheit des Wissenschaftszeitvertragsgesetz (§2, Absatz 5) ermöglicht es tatsächlich, dass auch befristete Verträge sich um die Länge der Mutterschutzfristen und die Elternzeit verlängern ohne, dass der Arbeitgeber zustimmen muss.

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