Promovieren mit Kind

Verfasst von
Anonym

Ich habe am Ende meiner Stipendiumsdauer mein erstes Kind bekommen und möchte hier kurz meine momentane persönliche Situation schildern, an der eine strukturelle Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen in der Wissenschaft deutlich wird. Ich greife hier meinen Fall heraus, den ich als ein Beispiel von vielen ähnlich gelagerten Fällen verstehe.

Mein Stipendium ist 1 Monat nach der Geburt meines Kindes ausgelaufen und ich erhalte momentan nur den Sockelbetrag des Elterngeldes, welcher 300 Euro monatlich entspricht, da ein Stipendium nicht als Einkommen zählt.

Besonders infam erachte ich den Fakt, dass ich, als Frau die kürzlich eine Geburt gestemmt hat, von diesem Geld zusätzlich den Krankenkassenbeitrag in der Elternzeit weiter selbst bezahlen soll. Von den 300 Euro Sockelbetrag des Elterngeldes, zahle ich also noch einen Krankenkassenbeitrag von 162 Euro im Monat. Ich liege somit de facto, obwohl ich vor der Geburt gearbeitet habe, weit unter dem gesetzlich festgeschriebenen Hartz IV-Satz, weit unter der Grundsicherung meines Lebensunterhaltes.

In der Politik hört man immer wieder, dass vor allem auch Frauen mit hohen Bildungsabschlüssen, Kinder bekommen sollen. Auch die Universitäten selbst sprechen davon besonders „familienfreundlich“ zu sein. Die Bundesrepublik Deutschland stellt sich gerne als Land dar, dass viel auf Bildung setzt. Aus diesem Leitsatz werde ich, als Doktorandin mit Kind, ausgeschlossen.

Ich bin aufgrund der momentanen Rechtslage vollständig auf das Einkommen meines Lebenspartners angewiesen, was mich in die Zeit der 1950er Jahre zurückversetzt, in der sich die Frau ausschließlich der Kindererziehung widmen und nicht arbeiten gehen sollte.

Ich möchte außerdem betonen, dass ich in den letzten Jahren hart gearbeitet habe und meine Doktorarbeit fast fertig geschrieben habe. Ich werde auch mit Kind, so wie vorher auch, stringent meine beruflichen Ziele verfolgen.

Es geht um die Verbesserung oder besser gesagt um die Schaffung von Rahmenbedienungen, die es mir ermöglichen meine Doktorarbeit fertig zu schreiben, so wie es jeder anderen Frau in einem festen Beschäftigungsverhältnis zusteht „Beruf und Familie zu vereinbaren“. Ich verfechte hier keine Entweder-Oder-Argumentation, im Sinne von „Kind oder Karriere“, sondern verstehe Kinder als einen normalen und integrativen Bestandteil meines Lebens, auf den ich auch als Doktorandin Anspruch haben sollte!

Ich fordere hiermit das Recht ein, auch als Doktorandin Kinder bekommen zu können, ohne in einen finanziellen Abgrund zu stürzen und komplett durch das soziale Netz des Staates zu fallen. Ich fordere die Schaffung von Rahmenbedienungen, die es mir ermöglichen, meine Doktorarbeit auch mit einem Kind, fertig schreiben zu können. An der Schilderung meines konkreten Falls lässt sich deutlich erkennen, dass eine strukturelle Diskriminierung und Benachteiligung von Doktorandinnen mit Kind herrscht. Durch diese Darstellung erhoffe ich mir nicht nur eine politische und hochschulpolitische Reaktion, sondern auch die gezielte und rasche Umsetzung von konkreten Maßnahmen.

Die DFG-geförderten Graduiertenschulen haben bereits viele wichtige Punkte aufgenommen. Wie z. B. die automatische Verlängerung des Stipendiums um ein Jahr im Fall einer Schwangerschaft oder ein angemessener monatlicher Familienzuschlag. Viele andere Stipendienprogramme müssten hier noch nachjustiert werden!

Konkrete mögliche Lösungsansätze sind: 

  • Krankenkassenbeitragsbefreiung von Doktorandinnen, die in Elternzeit gehen und nur den Sockelbetrag erhalten.
  • Gezielte Förderung des Abschlusses der Doktorarbeit von Frauen mit Kind durch Abschlussstipendien (z. B. festgesetzt auf mind. 6 Monate). 

Außerdem: 

  • Angemessene Familienzuschläge
  • Mehr Beratungsangebote im Bereich "Promovieren mit Kind" an den Hochschulen
  • Mehr Vernetzung zwischen Doktoranden mit Kind

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