Studieren mit besonderem Kind

Verfasst von
Frau Jennifer Brinkmann

Ich studiere gerade im 2. Fachsemester Sozial- und Organisationspädagogik. Der Weg hierhin war nicht ganz typisch. 2008 habe ich mein Abitur gemacht und bin direkt danach Mutter geworden. Nach 2 gescheiterten Ausbildungen habe ich mich nach langem Zögern für ein Studium entschlossen. Ein Weg, den ich mir als Kind einer typischen Arbeiterfamilie nie hätte vorstellen können.

Am Anfang waren viele Fragen offen, wie finanziere ich mich? Wie betreue ich meinen Sohn, der nur einen 7-Stunden-Kitaplatz (mit Fahrdienst, Fahrtzeit eingerechnet!) hat und für den ich auf Grund von Verhaltensauffälligkeiten keine Tagespflegeperson bekomme? Da waren Ängste, die es zu überwinden galt und Lösungen, die ich finden musste.

Die finanzielle Seite hat sich im 1. Semester gelöst. Wir bekommen Bafög und Wohngeld. Hinzu kommt, dass mein Sohn eine Pflegestufe 0 mit eingeschränkter Alltagskompetenz bekommen hat. Das bedeutet finanziell gesehen nochmal ein wenig mehr Geld. Hinzu kommen dann noch Kindergeld und Unterhalt. Wir haben eine stolze Summe so zusammen bekommen, dass ich mir finanziell keine Sorgen machen muss. Allerdings musste hier auch nach 5 Monaten eine Korrektur vorgenommen werden, da wir viel zu wenig Geld bekamen, da manche Sachbearbeiter, dann doch nicht die Gesetzeslagen kennen. Uns war zum Beispiel der Freibetrag für Schwerbehinderte beim Wohngeld erst untersagt worden, obwohl wir ein Recht darauf haben, da mein Sohn 90 GdB (Grad der Behinderung) hat mit Merkzeichen G, B und H. 

Worum ich mir aber mehr Sorgen machen musste, war die Betreuung. Man muss immer wieder Notlösungen finden und die Gelder der Pflegekasse sind nicht gerade hoch, dass man sich jedes Mal einen familienentlastenden Dienst leisten kann, aber andere Optionen habe ich nicht. Mein Freund, der nicht bei uns wohnt, arbeitet von morgens bis abends und kann nicht unterstützen, seine Mutter pflegt seit Ende des 1. Fachsemesters ihre Schwester und kann mir nicht mehr helfen. Meine Eltern haben keinerlei Kontakt zu uns und der Kindsvater wohnt 300 km entfernt. Also stehe ich mit dem Thema Betreuung in der Tat allein da. Wie gesagt Tagespflegepersonen gibt es für uns nicht. Man traut sich ein schwerbehindertes, verhaltensauffälliges Kind nicht zu. Hier wird es dann in der Tat sehr schwer, wenn Veranstaltungen nur abends Angeboten werden und man nicht hingehen kann. Zum Glück haben wir keine Anwesenheitspflicht, aber Materialien über Kommilitoninnen zu bekommen ist fast unmöglich geworden, denn es gibt viele Austauschplattformen, aber die meisten helfen einem nicht. Nun steht bei uns der Wechsel in die Schule an, da mein Sohn 7 ist. Hier haben wir dann quasi einen Luxus an Betreuung. Schule und anschließend Hort, der bei Bedarf bis 18 Uhr auf hat. Allerdings kann ich so trotzdem nicht in Veranstaltungen, die um 18 Uhr starten.

Wie sieht es mit dem Lernen aus? Ja eher schlecht, denn ich komme nur abends zum Lernen und auch am Wochenende geht nicht viel mehr, denn das Kind will beschäftigt werden. Ich habe jetzt schon ein wenig Angst vor der ersten Hausarbeit, denn Fristen einhalten unter den Umständen? Hier wünschte ich mir den Familienparagrafen der Universität Paderborn verpflichtend an allen Universitäten in Deutschland, aber leider studiere ich nicht in Paderborn. Also muss ich es in der Regelzeit schaffen. Mich vertiefend mit Dingen beschäftigen klappt leider auch nicht wie ich will oder einfach mal einen Zusatzkurs belegen, dabei würde ich mir das gerne wünschen. Auch das ich mir mein Studium flexibler legen kann, aber alle Seminare, Vorlesungen etc. werden nur noch einmal im Jahr angeboten. Schade eigentlich, weil für uns Eltern bedeutet das quasi, wenn wir eins nicht machen können, eine Verlängerung des Studiums um wahrscheinlich 2 Fachsemester.

Es ist ein sehr stressiger Weg und manchmal wünschte ich, man hätte etwas mehr Zeit, um seinen Interessen mehr nachzugehen an der Universität. Was ich toll finde, ist, dass unsere Universität mit dem künftigen Hort meines Kindes für die Sommerferien kooperiert und das wir eine Elterninitiative zur Betreuung für die Kinder bis 3 Jahre haben, so wie eine ADHOC-Betreuung in Kooperation mit der Caritas, aber in so einem speziellen Fall wie unseren hilft das leider alles nichts.

Allerdings überlege ich mit meinem Freund zusammen, ob ich nicht nach dem Bachlor und während des Masters noch ein gemeinsames Kind mit meinem Freund bekomme, denn für mich scheint das Studium eine geeignete Zeit zu sein. Man muss halt noch ein paar Kleinigkeiten optimieren, aber bis jetzt sind meine Lösungen und die Unterstützung der Universität ganz okay. Zumindest komme ich schon jetzt ein halbes Jahr weiter als bei einer Ausbildung mit Kind, die musste ich beide nach 6 Monaten beenden.

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Kommentare (2)

Kommentar von Anonym
am am 08.07.2015

Zum Thema Studium mit Kindern:
Nach meinem ersten Studium habe ich zwei Kinder bekommen und an der Hochschule unterrichtet. Um eine später geplante Promotion auf seriöse Füße zu stellen, habe ich nebenher ein zweites Studium absolviert, denn mein erster Abschluss ermöglichte dies nicht ohne weiteres. Das Zweitstudium dauerte entsprechend länger, so dass ich zur "Zwangsberatung" musste.
Der Dozent wollte eigentlich meine Situation überhaupt nicht wissen, er sah wohl seine Aufgabe ausschließlich darin, "Bummlern" ein schlechtes Gefühl zu vermitteln. Zu einer Beratung, die den Namen verdient hätte, machte er keinerlei Anstalten. Als ich ihm erläuterte, dass ich zwei Kinder habe und unterrichte, aber noch das zweite Studium mache, weil ich promovieren möchte, meinte er nur: "Promovieren - aber hoffentlich nicht bei uns!"

An vielen Universitäten gibt es inzwischen die Möglichkeit eines Teilzeitstudiums. Die Fachsemester werden dann nur halb gezählt. Diese schöne Möglichkeit verhindert Situationen wie die oben beschriebene, zum Teil jedenfalls.

Kommentar von Anonym
am am 10.07.2015

Vielen Dank für diese beiden Einblicke. Sie bestätigen meinen Eindruck, daß die Entmutigung im akademischen Bereich schon sehr früh beginnt. Es geht überhaupt nicht darum, ob die Studentin oder der Student Potential hat, sondern nur darum, ob er oder sie sich jederzeit erwartungskonform verhalten kann.
Ich habe selbst meine Kinder erst nach der Promotion bekommen und diejenigen bewundert und beneidet, deren Kinder schon etwas älter waren. Ich habe sehr großen Respekt vor Leuten, deren Kinder ihnen noch mehr Kopfzerbrechen bereiten als mir meine.... oder vor Leuten mit kranken Familienangehörigen.... ich habe keine Ahnung, ob und wie ich das schaffem würde.

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