Umdenken? Zwei kleine Beobachtungen

Verfasst von
Lena Henningsen

Mein Mann und ich sind beide Wissenschaftler, ich pendle wöchentlich mit dem Zug für mehrere Tage an meine Uni, die etwa fünf Stunden entfernt ist, inzwischen haben wir zwei ganz wunderbare Kinder. Eine Zeitlang (als wir noch zu dritt waren) erlebten wir beide immer wieder die jeweils nahezu identischen Dialoge, die mir symptomatisch scheinen für Erwartungen an Mutter- und Vaterschaft, die nach wie vor in diesem Land kursieren – und zwar gerade auch unter Mit-Akademikern unserer eigenen Generation.

Kam ich also im Gespräch mit Kollegen auf meine Pendelsituation und unsere Tochter im Krippenalter zu sprechen, so fragten viele zurück: „Und wie machst Du das dann mit Deiner Tochter?“, mitunter dann auch noch die weitere, interessierte Nachfrage: „Nimmst Du sie dann mit?“ Auf der einen Seite zeugen diese Gespräche von Interesse an der Spagat-Situation, in der unsere Familie lebt. Auf der anderen Seite erstaunte mich daran: Erstens, die Frage nach dem Kindeswohl - jede Woche viele Stunden mit einem Kleinkind, das noch Mittagsschlaf braucht durch die Republik reisen, es aus seiner vertrauten Umgebung reißen. Sowie zweitens, die Frage nach dem Prinzip Realismus - wie arbeite ich denn bitteschön konzentriert permanent mit meiner Tochter im Schlepptau. Klar, es gibt Situationen, in denen das gehen muss und auch geht – aber eine Zweieinhalbjährige zum Stillsitzen in einer Vorlesung verdonnern? Kein Spaß – für alle Beteiligte. Und drittens, warum lautet die Frage eigentlich nicht: Und wie macht IHR das mit EURER Tochter? Schließlich ist sie ja nicht nur meine Tochter, sondern auch die meines Mannes, und schließlich ist er genauso verantwortlich.

Mein Mann hingegen erlebt auch einen immer wiederkehrenden Dialog, typischer Smalltalk, möchte man meinen: „Und, wie geht es Dir?“ – „Danke, gut. Aber mit den zwei Kleinen zu Hause ist es schon teilweise ganz schön anstrengend.“ – „Oh, das kenne ich“, lautet oftmals die mitfühlende Antwort, „ich habe ja selber drei Kinder.“ – „Und was macht Deine Frau?“ – „Die ist Zuhause, bei den Kindern.“ – Es geht mir hier nicht um die Bewertung des einen oder anderen Familienmodells – aber wir fragen uns, ob diese Kollegen wirklich wissen, wie das für meinen Mann in seiner Rolle als Teilzeit-Alleinerziehender-Vater ist: Wenn man mehrere Tag und Nächte in Folge alleine mit einem Kind oder mehreren Kindern ist? Ein Kind gerade Zähne bekommt oder einem aus welchen Gründen auch immer den Nachtschlaf raubt, sowie die abends dringend noch benötigten Stunden, um vielleicht eine Vorlesung vorzubereiten, eine Kommissionssitzung oder einen Aufsatz zu schreiben? Wenn eines der Kinder am anderen Morgen vielleicht auch noch Fieber hat, nicht in die Kinderkrippe gehen kann und er nun alle Termine kurzfristig absagen muss? Es sind die kleinen Probleme, mit denen in den meisten Familien die Mütter klarkommen müssen. Für uns ist es ganz selbstverständlich, dass wir uns die Familienarbeit teilen (oder es zumindest versuchen!), die vergnüglichen Nachmittage auf dem Spielplatz ebenso wie die Krankheitstage der Kinder – aber solange das eben die Ausnahme an den Unis ist, wird es wohl bei einem nur vordergründigen Verständnis für die Situation meines Mannes bleiben. (Und – polemisch gesagt – die Antwort des Kollegen ließe sich wohl übersetzen in: Meine Frau hat drei Kinder.)    

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