Wissenschaft, Kindeswohl, Partnerwohl und Mensch bleiben?

Verfasst von
Anonym

Ich bin inzwischen seit vierzehn Jahren als Professorin tätig, die einzige Tochter hat nun Abitur gemacht - die Frage der Vereinbarkeit von Wissenschaft, Familie, Kindeswohl und gelungener Ehe war die schwierigste von allen in der gesamten Zeit. Vielleicht auch, weil wir als Eltern keine Ganztagsbetreuung für unsere Tochter wollten - halbe Tage sollten reichen.

Die glücklichste Zeit hatten wir, als mein Mann eine halbe Stelle als Lehrer hatte und ich eine Zwei-Drittel-Stelle an der Uni in der Habilphase. Beide im Beruf, beide Zeit fürs Kind, beide Zeit füreinander. Mit einer Professur ging das nicht mehr, es war nicht zu schaffen - wir wären menschlich dabei "drauf"gegangen, das erlebten wir sehr schnell. Mein Mann hat sich dann (gern übrigens) für Vaterschaft, Erziehung, Haushalt, Ehrenamt und freiberufliche Zusatztätigkeiten entschieden.

Was hatte ich ein schlechtes Gewissen! Das klassische Modell, einfach umgedreht - die Frau im Beruf, der Mann zu Hause! Aber es war für uns genau so richtig. Was wir uns aber alles anhören mussten: Gut ausgebildeter Lehrer verweigert das Steuerzahlen und Arbeiten! Ja, ist denn Hausarbeit und Erziehung keine Arbeit, nur weil sie nicht bezahlt wird? Wer normiert denn eigentlich, wie Familien, wie Wissenschaftlerinnen sich zu verhalten haben? Zählt nur noch der Steuerzahler? Nicht mehr derjenige/diejenige, der/die sich in Kindergarten, Schule, Stadt und sonst wo ehrenamtlich einbringt?

Mir hat es die Augen geöffnet über die Normierungen, die unsere Gesellschaft meint durchsetzen zu müssen. Freiheit und Eigenentscheidung - aber nur, wenn es stromlinienförmig ist. Ich bemühe mich seitdem sehr, jungen Kolleginnen Mut zu machen, die genau für sie richtige Entscheidung zu treffen, wie auch immer diese aussehen mag - sich Beratung in diesem schwierigen Prozess zu suchen. Es ist nicht nur die Kita, die stimmen muss - es ist unendlich viel mehr in einem Beruf, in dem eigentlich immer 120% gefordert sind.

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