Wissenschaft UND Familie – so kann´s gehen

Verfasst von
Anonym

In diesem Blog wird wie in vielen anderen Blogs, die sich mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie (oder allgemeiner: Karriere und Familie) beschäftigen, viel geklagt. Trotzdem zeigen viele, viele Beispiele mittlerweile, dass sich Wissenschaft und Familie sehr wohl vereinbaren lassen. Hier einige Tipps, wie es funktionieren kann:

1) Vergleichen. Am Anfang jeder wissenschaftlichen Karriere (sprich: in der Regel nach der Promotion), sollte sich jeder ernsthaft fragen, ob er gut genug ist, um sich in einem kompetitiven Umfeld zu bewähren und ob er bereit ist, sich so einzusetzen, dass er mit der starken Konkurrenz mithalten kann. Wer die leisesten Zweifel hegt, dass er gut genug ist, sollte sich nicht für die Wissenschaft entscheiden. Gleiches gilt, wenn man geographisch auf eine Region oder ein Land festgelegt ist oder zumindest eine starke Präferenz hat.

2) Planen. Als nächstes sollte man sich einen Überblick über den Berufungsmarkt und die Anforderungen an die Qualifikation verschaffen: Wie viele Stellen gibt es? Wie muss man sich für diese qualifizieren? Was sind die richtigen Forschungsschwerpunkte? Welche Themen sollten durch Publikationen abgedeckt werden? Sodann sollte man die einzelnen Qualifikationsbausteine (Publikationen, Lehre, etc.) auf die zur Verfügung stehende Zeit (in der Regel 5 bis 6 Jahre) verteilen.

3) Schnell sein. Wer eine Familie gründen möchte, sollte sich bemühen, die Qualifikationsphase (Promotion/Habilitation) möglichst zügig hinter sich zu bringen. Die Idee dahinter ist zweierlei: Zum einen zieht man die Unsicherheit, die mit der wissenschaftlichen Qualifikationsphase verbunden ist (befristete Stellen, Unklarheit über die langfristigen Berufschancen), in eine Lebensphase vor, in der die Unsicherheit regelmäßig weniger stark ins Gewicht fällt als später und als weniger belastend wahrgenommen wird. Zum anderen macht man sich weniger von einem langfristigen Verbleib in der Wissenschaft abhängig. Wer mit Mitte 30 seine Chancen auf eine dauerhafte Stelle ausloten kann, wird es leichter haben, im Zweifel woanders unter zu kommen als mit Mitte 40.

4) Zeit lassen. Kinder erst bekommen, wenn die Qualifikationsphase (weitgehend) abgeschlossen ist, am besten wenn einer Berufung auf eine Dauerstelle grundsätzlich nichts im Weg steht. Ein Blick in die Lebensläufe erfolgreicher Professorinnen zeigt, dass das das Mittel der Wahl ist. Und das aus gutem Grund: Wer sich ohne Kinder qualifiziert, hat genug Zeit, um sich auf all das zu konzentrieren (Publikationen, Konferenzen etc.), was für eine erste Berufung nötig ist. Wer Kinder erst bekommt, wenn er auf einer festen Stelle sitzt, ist zudem zeitlich viel flexibler und hat in der Regel auch mehr Geld, um sich gute und zuverlässige Kinderbetreuung leisten zu können, die auch greift, wenn die Kinder krank sind oder die Kita bestreikt wird ...

5) Nicht alle Probleme auf einmal lösen wollen. Einen Schritt nach dem anderen gehen. Viele Probleme, die auftreten können, stellen sich später gar nicht. Dafür aber vielleicht andere. Wer versucht, alle Eventualitäten vorherzusehen und Lösungen für alle möglichen Probleme zu finden, bevor sie entstehen, verliert viel zu viel Zeit – für die Wissenschaft, aber auch für viele andere schöne Dinge im Leben.

6) Nicht klagen. Wer Kinder hat und erfolgreich in der Wissenschaft sein will, hat es schwerer. Das gilt sowohl für Männer als auch Frauen, aber de facto in besonderer Weise für Frauen, weil sie immer noch die Hauptlast der Kindererziehung tragen bzw. von ihnen erwartet wird, dass sie dies tun. Als ich in der Qualifikationsphase war, gab mir eine ältere Kollegin den Rat: „Sprechen Sie nicht über Ihre Familie und die Anstrengungen, die damit verbunden sind. Das will keiner hören. Es spielt für die Beurteilung Ihrer Leistung auch keine Rolle.“ Der Rat war im Nachhinein absolut richtig. Wer zu viel klagt, wird in der Sache nicht ernst genommen. Außerdem lenkt Klagen von den eigentlichen Aufgaben (Wissenschaft/Familie) ab.

7) Umschauen. Klar, in der Wissenschaft läuft nicht alles optimal. Aber: Schaut Euch um! Wo ist es besser? Wo sind die eindeutig überlegenen Alternativen? Wo kann man (mit Mitte 30 oder 40) in einer vergleichbar anspruchsvollen Führungsposition sein, die mit soviel inhaltlicher Freiheit, so vielen Gestaltungsmöglichkeiten und zeitlicher Flexibilität einhergeht? Welcher anspruchsvolle Job ist nicht mit Mobilität, langen Arbeitstagen, Druck und Konkurrenz verbunden?

FAZIT: Es geht viel. Und die Anstrengung lohnt sich. Denn es gibt nichts Schöneres als Wissenschaft UND Familie!

Kommentare (7)

Kommentar von Anonym
am am 28.06.2015

Wenn ich mir diese Regeln anschaue, habe ich fast alles falsch gemacht, und trotzdem habe ich eine schöne W3-Professur bekommen. Wie kann das sein?!
Vor allem der Hinweis mit den Zweifeln ist aus meiner Sicht absurd. Wenn all jene, die einmal an sich und ihrer Eignung gezweifelt haben, keine Aussichten auf eine Professur gehabt hätten (bzw. haben), dann wäre ein sehr großer Teil der heutigen Professorenschaft nie dort gelandet.
Die hier entwickelten Strategien mögen für bestimmte Fächer sinnvoll sein, und für manche Forscher/innen einfacher zu verfolgen sein als für andere. Der Autor/die Autorin suggeriert hier eine Planbarkeit, die aus meiner Sicht nur in wenigen Fällen möglich ist. Für die vielen interdisziplinären Denominationen, mit denen Professuren heutzutage versehen werden, werden auch Kandidat/innen mit ungewöhnlicheren, verschlungeneren, unplanbaren Lebenswegen in Betracht gezogen. Glücklicherweise!

Kommentar von Anonym
am am 29.06.2015

Sehr gute Zusammenstellung!
Zu Punkt 5 „Nicht klagen“: Das sollte dann aber für alle gelten! Es ist zwar wirklich ein guter Rat, aber gar nicht so leicht zu befolgen. Wenn man nachts dreimal ein Kind beruhigen musste, es morgens unter Protest zum Kindergarten gezerrt hat, danach einer Vorlesung gehalten hat und in einer Sitzung gewesen ist, wenn man dann zum Mittagessen kommt und der Kollege fragt: „Wie geht’s dir?“, vielleicht es noch leicht zu antworten „Danke, gut und dir?“. Aber es ist vielleicht nicht mehr so leicht wenn seine Antwort regelmäßig ist „Viel zu viel zu tun, ich bin sooooo überlastet“. Da in der akademischen Selbstverwaltung immer mal wieder auch unliebsame Aufgaben verteilt werden müssen, stellt sich leider leicht eine Jammerkultur ein. Ob also nicht zu jammern eine gute Strategie ist, weiß ich nicht, aber es ist sicher gut, die Kinder aus dem Jammern rauszulassen. Allein schon der Kinder wegen.

Kommentar von Anonym
am am 29.06.2015

Kommentar zu Kommentar 1: Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Die Überschrift des Beitrags lautet: So KANN es gehen, NICHT: So WIRD es gehen. 100%-Sicherheit gibt es nicht. Aber natürlich kann man eine Karriere in der Wissenschaft planen, bestimmte Risiken vermeiden und auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass am Ende alles passt. Und klar: Viele Wege führen nach Rom. Es kann auch anders gehen.

Kommentar von Anonym
am am 01.07.2015

Ich habe auch gedacht, dass man Punkt 2) abschwächen muss, weil vieles nicht planbar ist. Aber das wird dann eigentlich unter Punkt 5) schon angesprochen.
Trotzdem senden vielleicht Punkt 2) und 4) zusammen meiner Meinung nach vielleicht ein falsches Signal. Jedenfalls lautet meine Botschaft an alle (die die Kinder kriegen wollen und die, die darauf reagieren müssen:) Es gibt oft keinen optimalen Zeitpunkt! Es ist schön, wenn es auf einmal passt, sich zwei gefunden haben und man vielleicht gerade eine längere Perspektive hat an einem Ort, wo die Großeltern in der Nähe wohnen o.ä. Aber akademische Karrierewege sind typischerweise nicht sehr planbar, deshalb meine Bitte: Macht den Familien einen "unpassenden" Zeitpunkt nicht zum Vorwurf! Es lässt sich einfach nicht so planen, dass die Elternzeit komplett in den Semesterferien stattfinden kann.
Zu Punkt 7): Wenn beide Eltern auf befristeten Verträge sitzen in der Hoffnung, eines Tages die Lotterie um eine Professur zu gewinnen, kann man schon manchmal verzweifeln. Aber selbst da mag es helfen, wenn man sich vor Augen hält, dass man wenigstens zwei Lotterietickets im Haushalt hat.

Kommentar von Anonym
am am 01.07.2015

Zu Punkt 3 und 4: Das spricht ja nicht gerade für die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie, wenn geraten wird, erstmal die Habilitation hinter sich zu bringen, am besten noch eine feste Stelle zu haben und dann erst mit Kindern anzufangen. Da ist man dann ja schnell mal Anfang 40, was biologisch ja auch nicht optimal ist und viele verzichten dann ganz auf Kinder. Ich finde, man sollte Frauen eher dazu ermutigen, ihre Kinder dann zu bekommen, wenn es für sie persönlich der richtige Zeitpunkt ist und dann das System so zu verändern bzw. Unterstützung anzubieten, dass dies möglich ist!

Kommentar von Anonym
am am 02.07.2015

Ein beschämender Beitrag. Purer Opportunismus, der den Sinn des Lebens planwirtschaftsmäßig in die Karriere, welche vor allem aufgrund genau dieser Haltung erst möglich ist, einwebt. Vereinbarkeit bedeutet, die bestehende Diskriminierung zu bekämpfen statt sich einem falschen, konservativen System zu beugen.

Wie die Vorredner schon feststellten: Ja, es ist möglich Familie und Karriere zu vereinbaren, aber nicht nur durch Schwangerschaftsplanung getreu dem postulierten Motto: "Wenn es bei Kollegen/Vorgesetzten/Mentoren am wenigsten aneckt". Wenn dies der Weg der Vereinbarkeit sein sollte, den dieses Land anstrebt, dann bin ich froh dieses zu verlassen. Bis dahin kämpfen wir weiter für unsere wissenschaftliche Karriere "trotz Kind" (dies ist ja die traurige Realität).

Ein Mann.

Kommentar von Anonym
am am 07.07.2015

Ich finde es irritierend, von einer Vereinbarung von Familie und Karriere zu sprechen, wenn es dann doch HINTEREINANDER und nicht PARALLEL stattfindet.
Wichtiger ist doch, dass wir zeigen, dass es auch anders geht und dass dafür die Randbedingungen entsprechend angepasst werden. Und dazu sollten sich auch die Universitäten als große Arbeitgeber mal entschließen. Was bringen 1 Stillraum und 1 Eltern-Kind-Arbeitsplatz bei einer Uni mit 20.000 Studierenden und mehreren 100 Mitarbeitern? Hier sind die Länder und der Bund gefragt, selbst als Arbeitgeber mal wirklich was zu tun! Hier muss gezeigt werden, dass wir an das Potenzial junger Menschen glauben und sie tragen wollen, in allen Lebenslagen!
Und es kann gehen: Ich bin 30 Jahre alt, arbeite seit 2010 in den Ingenieurwissenschaften an einer NRW-Universität in Vollzeit. Ende des Jahres werde ich meine Diss einreichen und ich habe dieses Jahr im Frühling mein drittes Kind bekommen.
Man braucht allerdings
- einen Chef, der Verständnis aufbringt, der Freiheiten lässt und Heimarbeit bzw. die freie Zeiteinteilung der Wochenstunden ermöglicht.
- eine(n) Lebensparter(in), der ebenfalls flexibel sein kann, wenn es hart auf hart kommt
- die Bereitschaft, auf viel eigene Freizeit zeitweise zu verzichten
Ich werde nicht nochmal schwangerschaftsbedingt ausfallen und habe bereits bewiesen, dass ich die Familienorganisation parallel zur eigenen Anstellung schaffe. Das ist wohl eher karriereförderlich als hinderlich!?

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