Wissenschaftliche Normen. Oder: Über den Mangel an Empathie und Toleranz

Verfasst von
Anonym

Die Figur des Wissenschaftlers unterliegt einer ganzen Reihe von Normen. Eine davon wird durch die Vorstellung beschrieben, Wissenschaftler säßen von früh morgens bis spät nachts über ihren Arbeiten, nur vom Forschergeist und der Leidenschaft für die Sache angetrieben, würden sich mit Leib und Seele ihrem Beruf verschreiben und alles andere hintanstellen.

 Die Wissenschaftsforscherin Sandra Beaufaÿs hat in ihren Publikationen herausgearbeitet, dass diese und andere Normen und Praxen des wissenschaftlichen Arbeitens in ihren Folgewirkungen Frauen (und hier möchte man gerne erweitern: Eltern) ausgrenzen. Einer Mutter „traut man einfach nicht zu“, dass sie diesen Aufopferungswillen für den Job mitbringen kann. (Einem in die Erziehung gleichberechtigt involvierten Vater auch nicht - aber ob er seine Vaterschaft so lebt, das sieht man einem Mann bei der Einstellung ja nicht unbedingt an.) Wenn eine Mutter auf einer Stelle an einer wissenschaftlichen Institution mit einem zweiten Kind schwanger wird, wird schnell darüber gesprochen, dass sie es „ja vielleicht nicht so ernst meint mit der Wissenschaft“. (Ein Kind, so mein Eindruck, scheint inzwischen weithin akzeptiert zu sein.)

Normen gibt es auch für die Kinder von Wissenschaftlerinnen: Diese Kinder sollten vollkommen betreuungsaffin sein, niemals eine fremde Betreuungsperson ablehnen, spätestens um 19.30 Uhr selbständig eingeschlafen sein, durchschlafen, nicht ängstlich sein, alles selbständig und vernünftig erledigen, nicht klammern, nicht unausgeglichen sein, nicht nach Mama verlangen, und klaglos von frühestem Alter an 10 Stunden in der Krippe verbringen. Sie dürfen keinen heftigen Widerstand leisten, schon gar nicht mehrmals in derselben Sache. Sie sollten kein Problem mit häufigen Ortswechseln (der Eltern) haben. Alles nur eine Frage der Gewohnheit! Kinder passen sich an alles an, machen alles mit, wenn man es ihnen nur mit Überzeugung präsentiert! Dass Kinder unterschiedlich sind, in ihrer Empfindlichkeit, Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit, in ihren Forderungen und Bedürfnissen, dass es gewisse Konstellationen und Pfadabhängigkeiten gibt, auf die man kaum Einfluss nehmen kann, ist dieser Auffassung völlig fremd. Dass man mit den damit verbundenen Herausforderungen unterschiedlich umgehen kann und vielleicht sogar muss, ebenfalls. In diesem Punkt setzt die Bereitschaft zur Differenzierung und vorsichtigen Abwägung, die die Wissenschaftswelt eigentlich so auszeichnet, bei vielen Wissenschaftler/innen aus. 

Und hier erreichen die auf Kinder-von-Wissenschaftlerinnen bezogenen Normen eine besonders interessante Wendung: Kinder-von-Wissenschaftlerinnen, die sich nicht dieser Norm entsprechend verhalten, sind - ganz klar - einfach falsch erzogen. Ein Fehler der Eltern. Und das zeugt - ebenso glasklar - davon, dass deren Eltern es einfach nicht hinbekommen: Weil sie es „nicht so richtig im Griff haben“, weil sie selbst „zu undiszipliniert sind“ und damit natürlich ungeeignet für die Wissenschaft. Oder weil sie doch nicht so recht mit Überzeugung „bei der Sache“ (=Wissenschaft) sind und offenbar ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kindern haben. Das zeugt wiederum davon, dass sie noch „altmodischen“ Ansichten verhaftet sind, wie z.B. dass Kinder vielleicht doch ein wenig mehr Zeit mit ihren Eltern brauchen, oder dass die Ablehnung von fremden Betreuungspersonen vielleicht einen guten Grund haben könnte. Tabu ist auch die Ansicht, dass der Widerstand der Kinder gegen bestimmte elterliche Regime (Zeitregime etc.) in manchen Punkten legitim ist. Widerstand, so diese Ansicht, ist nur ein Beweis dafür, dass die Eltern selbst an der Legitimität von solchen Regimen zweifeln, also nicht überzeugt genug von ihrem eigenen Lebensmodell (und damit natürlich ungeeignet für die Wissenschaft) sind.

Nicht, dass diese Normen die ganze Wissenschaftslandschaft in Deutschland starr dominieren: Zum Glück gibt es auch sehr viele Orte, Institutionen und Personen, die anders gestimmt sind. Aber es gibt diese Vorstellungen viel zu oft. Und es gibt erstaunlich wenig Toleranz zwischen den verschiedenen Gruppen: Wissenschaftler/innen ohne Kinder haben starke Meinungen über Wissenschaftler/innen mit Kindern und umgekehrt; solche mit zwei Kindern haben starke Meinungen über solche mit einem Kind und umgekehrt. Auch Eltern mit gleich vielen Kindern haben starke Meinungen übereinander: Z.B. Eltern, deren Kinder optimal mitmachen, versus Eltern, die ziemlich widerständige, eigenständige, fordernde Kinder haben. Es ist ausgesprochen schwierig, in einem solchen Spannungsfeld jedes Familien- und Arbeitsmodell als legitim anzuerkennen. Dabei wäre hier vor allem geboten: Toleranz und Empathie. 

Sandra Beaufaÿs hat auch darauf hingewiesen, dass manche in der Wissenschaft weit verbreiteten Einstellungen nicht explizit familien- oder frauenfeindlich sind, sondern nur in ihrer Konsequenz. So erklärt sich auch die Doppelzüngigkeit mancher Akteure: Wie toll, dass sich jetzt endlich immer mehr Nachwuchswissenschaftlerinnen trauen, Kinder zu bekommen! Wissenschaftliche Höchstleistungen werden sie mit Familie freilich nicht erbringen. Und ernst meinen sie es mit der wissenschaftlichen Karriere wohl auch nicht wirklich.  Dabei müsste man sich nur vergegenwärtigen, wie viele tolle Wissenschaftlerinnen mit Kindern es schon geschafft haben, Professuren zu bekommen und sogar noch darüber hinaus Karriere zu machen. Aber, so die Logik, man kann eben nicht wissen, ob eine schwangere Postdoc auch das Potenzial zu so einem Wunderweg haben wird - und lässt sie dann lieber ungefördert, um keine Gelder zu verschwenden an jemanden, der es „vielleicht ohnehin nicht ernst meint mit der Wissenschaft“.

Kommentare (1)

Kommentar von Dr. Sandra Beaufays
am am 13.07.2015

Danke für Ihren Bericht. Es scheint überhaupt eine gängige Vor- und Einstellung unter Wissenschaftlern und auch Wissenschaftlerinnen zu sein, dass Eltern- und Kinder-Gefühle keine Rolle spielen dürfen. Kinder ja, aber bitte nicht zu viel drum kümmern, das kostet nur Zeit!
Ich denke da an ein Zeitungs-Interview mit der kinderlosen Christiane Nüsslein-Vollhardt, die sich daüber mokiert, dass sie kein Buch in Ruhe lesen könne, während sie auf die Kinder ihrer Schwester aufpasst, ohne dass eines der Gören eine Teetasse umwerfe oder anderen Schabernack treibe. Überhaupt seien ihre Zebrafische (oder woran sie da gerade forscht) wesentlich interessanter als Kinder. Weshalb sie es überhaupt nicht verstehe, dass Mütter es vorziehen, mit ihren Kindern zusammenzusein. Ein witziges Interview. Ich war nach dem Lesen ziemlich betroffen und dachte: "Ja, so wird das wohl gesehen. Die Zeit, die du mit deinem Kind vetrödelst und liebevoll zuschaust, wie es Sand durch sein Fäustchen rinnen lässt, geht der Wissenschaft verloren." Das ist das Sinnbild der akademischen Uhr. Wäre ich stattdessen in einem Labor der physikalischen Chemie und würde den gleichen Vorgang beobachten, wäre das vollkommen legitim.

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