Wissenschaftsstandort Deutschland und Familienfreundlichkeit - Zwischenbilanz

Verfasst von
Anonym

Über dieses Projekt schreiben die Initiator/innen: „Deutschlands Wissenschaftssystem wird nachgesagt, es sei nicht besonders familienfreundlich. Dabei haben zahlreiche Initiativen in den letzten Jahren gezeigt, dass durchaus Verständnis und Veränderungswillen vorhanden sind." - Wo steht der Wissenschaftsstandort Deutschland aus der Perspektive der Betroffenen?

JA - es hat sich etwas bewegt im Wissenschaftsbetrieb. Inzwischen nehmen auch Männer mehr als zwei Monate Elternzeit, wichtige Besprechungen werden in die Kernarbeitszeit teilzeitbeschäftigter Mütter gelegt, man hat etwas Luft durch Vertragsverlängerungen wegen Kindererziehung. An vielen Standorten hat sich die Kultur geändert, so dass Eltern (Frauen UND Männer) ihren Alltag mit Kindern einigermaßen gut organisieren können, falls nicht gerade vierwöchige KiTa-Streiks das Arbeiten unmöglich machen.

JA - es gibt inzwischen Frauenförderprogramme. In deren Rahmen werden Konferenzreisen, Proof-Reading-Services und individuelle Fortbildungsmaßnahmen finanziert - nur kommen diese Fördermaßnahmen auch kinderlosen Frauen zugute. Väter, die zwischen Familie und universitärer Karriere jonglieren, haben das Nachsehen. Mütter dürften von diesen Angeboten zwar profitieren, können sie aber nur bedingt nutzen - denn für Konferenzreisen, Aufsätze und weitere Fortbildungen braucht man vor allem eines: Zeit. Die Frauenfördermittel sollten besser umgewidmet werden, in Familienfördermittel. 

NEIN - die Bewertungskriterien der Berufungskommissionen haben sich nicht geändert. Noch immer ist die Publikationsliste (Anzahl der Publikationen, Qualität der Journals) das A und O, noch immer geht es um die Höhe der eingeworbenen Drittmittel, und noch immer werden Bewerber/innen hauptsächlich daran bemessen. Das ist noch immer der Kern wissenschaftlicher Reputation. Daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen. Wer aber wegen Kindern Teilzeit arbeitet, kann da nicht mithalten, weder bei der Anzahl der Publikationen, noch bei der Anzahl der Forschungsprojekte. Für beide Aspekte benötigt man nämlich vor allem eines: Zeit, in der die Kinder gut betreut sind. Die von vielen Frauenbeauftragten mantra-artig wiederholte Formel „Leistung = Arbeit/Zeit“ wird bei der Bewertung von Kandidat/innen noch immer nicht umgesetzt. Es geht um das Ergebnis - um die absolute Anzahl Publikationen und Drittmittelprojekte, ganz gleich, wie viel Zeit hierfür zur Verfügung stand.

NEIN - die Exzellenzinitiative hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht erleichtert, im Gegenteil, sie hat das Problem verschärft: Noch stärker richtet sich jetzt der Blick der Institute auf Publikationen in renommierten Fachzeitschriften, noch wichtiger ist die internationale Sichtbarkeit, noch zentraler sind Anzahl und Volumen der Drittmittelprojekte. Wo selbst die Big Shots unter der Arbeitslast dieses verschärften Wettbewerbs stöhnen - wie soll es für Eltern kleiner Kinder möglich sein, da mitzuhalten? Wir können keine 60-Stunden-Wochen schieben. Wir können nicht jeden Monat auf einer anderen internationalen Konferenz präsent sein. Denn kleine Kinder kosten vor allem eines: Zeit. 

NEIN - es gibt noch keinen praktikablen Weg für Mütter, mitzuhalten mit dem wissenschaftlichen Output kinderloser Kolleginnen oder dem Output männlicher Kollegen, deren Partnerinnen beruflich zurückstecken. Nun mag manch eine(r) einwenden, dass es durchaus auch erfolgreiche Mütter in der Wissenschaft gibt. Betrachtet man diese Lebensläufe aber näher, so stellt man fest: Viele Wissenschaftlerinnen haben die männliche Karrierestrategie übernommen, sie sind Teilzeitmütter, nur am Wochenende zu Hause, während der Partner primäre Bezugsperson für die Kinder ist. Derzeit sind genau zwei erfolgversprechende Wege sichtbar: entweder auf Kinder verzichten oder die männliche Karrierestrategie zu übernehmen. Ist das tatsächlich die bislang einzige Antwort des Wissenschaftsstandorts Deutschland auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

NEIN - Mütter können nicht jede Vertretungsprofessur und jede Professur in Deutschland oder der Welt annehmen. Die geforderte Mobilität ist weiterhin eine strukturelle Schranke, die Frauen den Weg zur Professur erschwert. Die Kosten-Nutzen-Kalkulation sieht doch in den meisten Fällen folgendermaßen aus: Der Partner ist in einer unbefristeten Position und sichert das Familieneinkommen. Mütter an der Universität sind meist teilzeitbeschäftigt und haben zeitlich befristete Verträge. Dazu bekommen viele erst im Karriereschritt nach der Promotion Kinder, so dass sie genau dann nicht mobil sein können, wenn sie Vertretungen übernehmen, auf Konferenzen präsent sein, netzwerken sollten. Und was passiert, wenn der Partner am neuen Standort keinen Job findet? Egal, ob man Gegner oder Anhänger der Rational-Choice -Theorie ist: Wieso sollte eine Familie die sichere Karriere des Partners der unsicheren Teilzeitkarriere der Frau unterordnen? Wo ist der Nutzen? Ich sehe nur die Kosten.

NEIN - es gibt noch immer nicht ausreichend Alternativen zum Nadelöhr Professur; wer das Ende der Befristung erreicht, ist raus. Die wenigen unbefristeten Mittelbaustellen, deren Inhaber/innen wegen der vielen Verwaltungsaufgaben nicht dazu kommen, zu forschen und sich weiter zu qualifizieren, sind keine Antwort auf das Problem, dass das Wissenschaftssystem noch immer viel zu viele befristete Mittelbauer hervorbringt, aber zu wenig unbefristete Stellen anbietet.

NEIN - das Leitbild der Wissenschaftlerin, die sich voll ihrem Job hingibt und - falls sie Familie hat - die Kinder über den Partner, Au-Pairs oder Großeltern wegorganisiert, hat sich noch nicht verändert. Es sitzt noch immer fest in den Köpfen der Politiker/innen, Professor/innen und Mitarbeiter/innen. Aber das ist nicht meine Realität: Es soll vorkommen, dass Kinder hin und wieder krank werden. Es soll vorkommen, dass Kinder ihre Eltern als Ansprechpartner brauchen. Es soll vorkommen, dass Kinder noch keine auf Effizienz und Leistung getrimmten Kopien ihrer Eltern sind. Da liegt die zweite strukturelle Hürde des Wissenschaftssystems: Wer die Freiheiten akademischer Forschung haben möchte, der muss sich dem System komplett verschreiben, alle vorhandene Zeit hineinstecken. Doch mit Kindern geht das nicht, die brauchen nämlich vor allem eines: Zeit, in der die Eltern für sie da sind.

Was ist das Resümee dieses Zwischenfazits? Es gibt sicherlich gut gemeinte Initiativen, Verständnis und Veränderungswillen, den Wissenschaftsstandort Deutschland familienfreundlicher zu gestalten. Aber es gibt noch immer zu viele strukturelle Hürden und Schranken, so dass ich wöchentlich darüber nachdenke, mein Habilitationsprojekt aufzugeben und der Wissenschaft den Rücken zu kehren. Aus Gesprächen hinter verschlossenen Türen mit anderen Müttern weiß ich, dass ich mit dieser Überlegung nicht alleine bin.

Wir haben es sicherlich nicht mit bewusster Diskriminierung zu tun, aber die strukturelle Benachteiligung durch zentrale Merkmale des Wissenschaftssystems - Mobilität, Reputation durch Publikationen und Drittmittel, der hohe Stellenwert von Netzwerken für das berufliche Fortkommen, das Nadelöhr Professur - lassen sich in meinen Augen nicht durch Verständnis und Veränderungswillen einzelner Universitäten überwinden. Hier braucht es politische Entscheidungen.

Kommentare (4)

Kommentar von Anonym
am am 17.06.2015

Die Analyse stimmt. Aber wie sollen die geforderten "politischen Entscheidungen" aussehen? Was soll die Politik machen? Der Wissenschaft Leistungskriterien vorschreiben und verbieten, andere zu berücksichtigen? Die Anzahl erlaubter Publikationen oder die Anzahl der erlaubten Konferenzbesuche beschränken? Die Arbeitszeit von Wissenschaftlern auf 40 Stunden begrenzen? Feste Quoten für Mütter und Väter (aber natürlich nur für solche, die sich um die Familie kümmern und nicht für solche, deren Partner ihnen den Rücken freihält)? Wo sind die politischen Lösungen, die die oben beschriebenen Probleme beseitigen können? Ich sehe keine. Wissenschaft bedeutet Leistung und Wettbewerb. Wer daran rütteln will, schafft die Wissenschaft ab.

Kommentar von Anonym
am am 19.06.2015

Ich stimme dem vorgehenden Kommentar nur teilweise zu. Die Politik könnte zum Beispiel insgesamt noch familien- bzw. kinderfreundlicher vorgehen. Einige zentrale Streitpunkte sind bekannt: Bessere Unterstützung von Alleinerziehenden, steuerliche Bevorzugung von Familien, Ausbau der Betreuung etc. Die Politik könnte auch den Zugriff der Arbeitswelt auf die Privatzeit problematisieren. Viele Arbeitgeber in der Industrie, so sagte mir ein Mittelständler in Baden-Württemberg, erwarten, dass ihre Arbeitnehmer zuverlässig und mehr als 100% zur Verfügung stehen und eben nicht daheim bleiben, wenn die Kinder krank sind (wofür hat man eine Ehefrau?). Die Industrie ist in Deutschland Taktgeber; so lange Deutschlands Arbeitswelt insgesamt so familienunfreundlich bleibt, wie sie trotz aller Änderungen immer noch ist, wird sich auch im öffentlichen Dienst nichts ändern. Dabei gilt aus meiner Sicht die Regel: je prekärer die Arbeitsverhältnisse, umso stärker leiden die Familien. In der Wissenschaft werden die Karrierewege nicht sicherer, sondern im Gegenteil prekärer. Alle leiden darunter, besonders aber die Eltern unter den Wissenschaftlerinnen.

Kommentar von Anonym
am am 19.06.2015

Ich denke, die direkten Steuerungsmechanismen der Politik sind begrenzt. Es ist vor allen Dingen ein Mentalitätsproblem: Die Mentalität und die Ansichten derer, die heute jüngere Kolleg/innen evaluieren, bewegen sich nur sehr sehr langsam. Oft scheint auch die Vermeidung kognitiver Dissonanz am Werk: Trotz überzeugender Lippenbekenntnisse können viele Wissenschaftler nicht sehen, wie ihr Verhalten als Gutachter, in Kommissionen, als Betreuer etc. sich familienfeundlich auswirkt.

Kommentar von Anonym
am am 13.07.2015

Wissenschaft bedeutet Leistung und Wettbewerb? Interessant. Ich dachte immer, Wissenschaft bedeutet Erkenntnis und Kooperation. Würde man es mal so sehen, könnte man politisch durchaus was ändern. So müsste man nämlich nicht jeden für sich kämpfen lassen um die raren Professuren, so könnte man auch in der Breite Leute (unbefristet) einstellen, die erfahren und engagiert sind - ohne 24 Stunden im Einsatz zu sein. Und so könnten vielleicht auch diejenigen, die ihre 60-Stunden-Wochen schieben mal durchatmen und sich auch wieder etwas mehr mit Forschung und freudvoller mit Lehre beschäftigen. Mit anderen Worten: dann ginge es mal wieder um das, worum es doch eigentlich gehen sollte in der Wissenschaft.

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