Wünsche für die deutsche Wissenschaftslandschaft

Verfasst von
Anonym

Ich bin 45 Jahre alt und habe zwei Kinder, die während bzw. kurz nach meiner Promotion zur Welt gekommen sind. Nach jeder Geburt habe ich ein halbes Jahr ausgesetzt. Danach habe ich mich dann entschieden, die Kinder soweit möglich selbst zu betreuen - nicht, weil ich den Betreuungseinrichtungen nicht zutraue, meine Kinder gut zu erziehen, sondern weil ich selbst diese Zeit nicht verpassen wollte. Ich habe deshalb mehr als zehn Jahre lang ca. 50% gearbeitet. Das ist natürlich von großem Nachteil, wenn man in der Wissenschaft bleiben möchte. Ich habe nun wesentlich weniger Publikationen und eingeworbenen Drittmittel als jemand in meinem Alter, der/die während der gesamten Zeit 100% (oder mehr) gearbeitet hat - habe mich aber persönlich in dieser Zeit unglaublich weiterentwickelt und würde mich auf jeden Fall wieder so entscheiden. Auch meine Kinder haben profitiert.

Als Ergebnis hangle ich mich aber nun von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und kann mir absolut nicht sicher sein, dass ich nicht demnächst aus dem System falle und meinen Lieblings-Beruf nicht mehr ausüben kann. Zwischendurch habe ich für ca. 1 Jahr gearbeitet, ohne dafür Geld zu bekommen, um ein Herausfallen zu vermeiden. Ich bin bei den Studenten sehr beliebt, bekomme bei Kollegen im In- und Ausland große Anerkennung für meine Forschung, bin voller Ideen und hochmotiviert für künftige Forschung und Lehre - aber ob mir dies alles weiterhilft, irgendwann eine feste Stelle zu bekommen, das steht in den Sternen.

Die Hauptgründe hierfür sind meines Erachtens:

* Der einzige Weg zu einer festen Stelle im heutigen Universitätsbetrieb ist in der Regel der Weg zu Professur.

* In Berufungsverfahren wird aber immer noch viel zu wenig berücksichtigt, wer Erziehungszeiten wahrgenommen hat und wer nicht - auch wenn in der Ausschreibung steht, Familienfreundlichkeit würde groß geschrieben und Erziehungszeiten würden berücksichtigt.

* Es werden immer noch hauptsächlich Veröffentlichungen gezählt und Drittmittel aufsummiert; wer hier gewinnt bekommt die Stelle; Frauenbeauftragte sind zwar in den Berufungskommissionen, haben aber kaum eine Stimme.

* Es wird immer noch eine hohe räumliche Flexibilität verlangt und Hausberufungen sind fast nicht möglich.

Letzteres bedeutet für mich persönlich eine fast unüberwindliche Hürde: Mein Mann hat eine sehr gute Stelle und als Familie wäre es für uns ein gewaltiger Rückschritt, diese aufzugeben; meine Kinder sind sehr gut in ihrem Umfeld integriert und der ganzen Familie würde ein Umzug alles andere als gut tun. Da aber der einzige Weg zur festen Stelle für mich zu sein scheint, eine Professur an einem anderen Ort zu bekommen, ist dies ein sehr unschönes Dilemma, aus dem ich noch keinen Ausweg weiß.

Ich wünsche mir für die deutsche Wissenschaftslandschaft:

* Aufgeschlossenheit gegenüber Hausberufungen als Maßnahme zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

* Ehrliche und tatsächliche Berücksichtigung von Erziehungszeiten bei Einstellungen und Berufungsverfahren

* Mehr männliche Wissenschaftler, die längere Erziehungszeiten nehmen, damit das Erziehungszeiten-Problem nicht ein Frauenproblem bleibt.

* Eine veränderte Kultur der Wertschätzung von Forschungsinhalten: Mit gesundem Menschenverstand kann man m.E. die Qualität von Forschung (und von Forschenden) mindestens genauso gut (wenn nicht besser) beurteilen als durch Vergleich von Zahlen - Professoren in Berufungskommissionen etc. sollten sich zutrauen, die Qualität von Bewerbern einzuschätzen ohne sich rein auf die Anzahl von Veröffentlichungen bzw. aufsummierte „impact factors“ (Maß für die Wichtigkeit einer Zeitschrift) und die Summen eingeworbener Gelder zu stützen.

Wenn diese Wünsche erfüllt würden, würde meines Erachtens die Zahl von Frauen auf Professorenstellen von ganz alleine ansteigen.

Außerdem wünsche ich mir:

* Mehr feste Stellen im Mittelbau

Dies würde sicherlich ebenfalls zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen, denn es würde den enormen Druck, der momentan in der Postdoc-Phase (also in der Zeit, in der man sonst spätestens eine Familie gründet) besteht, etwas senken.

Kommentare (1)

Kommentar von Anonym
am am 09.09.2015

Hier lese ich meine eigene Geschichte und stimme in allen Punkten zu. Das Problem ist nicht die Familie, das Problem ist die PostDoc Phase.

Kommentar verfassen

Mit einem Kommentar können Sie sich an der Diskussion darüber, wie familiengerecht Deutschlands Wissenschaftssystem ist, auf dieser Dialogplattform beteiligen. Alle Kommentare werden von der Online-Redaktion im Vorfeld gegengelesen und anschließend freigeschaltet. Bitte beachten Sie auch die Regeln dieser Dialogplattform.

Persönliche Informationen