Wunschbild: eine kinderfreundliche Gesellschaft

Prof. Dr. Juliane Kokott

Für die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere ist es wichtig, dass die Rahmenbedingungen stimmen: unkomplizierte, flexible und erschwingliche (!) Kinderbetreuungsmöglichkeiten sind von unschätzbarem Wert. Die Anforderungen an die Art und Verfügbarkeit der Kinderbetreuung unterscheiden sich dabei auch je nach Fachgebiet. Eine Wissenschaftlerin, die für ihre Forschungen ein Labor braucht, hat andere Bedürfnisse als eine Geisteswissenschaftlerin.

Immer wieder werden die Eltern auch außerhalb der gewöhnlichen Kita-Öffnungszeiten eine Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder benötigen. Da sind kreative Ideen gefragt, wie sich Anspruch und Lebenswirklichkeit vereinbaren lassen: beispielsweise mit Netzwerken, in denen sich WissenschaftlerInnnen gegenseitig helfen, oder mit einem Babysitter-Pool, im Idealfall subventioniert von der Universität oder über Spenden.

Von einer sehr guten Idee, um Eltern die Teilnahme an wissenschaftlichen Tagungen zu erleichtern, erzählte mir eine meiner Mitarbeiterinnen: Die Tagungsleitung hatte über eine Vereinbarung mit dem örtlichen Kindergarten ermöglicht, dass TeilnehmerInnen und DozentInnen ihre Kinder mitbringen konnten, die dann während der Tagung im Kindergarten betreut wurden.

Mein Wunschbild ist die kinderfreundliche Gesellschaft, in der Kinder und Erziehung nicht das „Problem“ der Mutter sind, sondern von der Großfamilie und auch von Staat und Gesellschaft als Bereicherung und Aufgabe wahrgenommen werden. Hierfür lassen sich sicherlich Anreize schaffen, z.B. durch steuerliche Vorteile oder Förderung haushaltsnaher Dienstleistungen. Generell sollten Hausarbeit und Kindererziehung sozial und finanziell mehr Anerkennung finden.

Meine persönliche Erfahrung zu Kindern und Karriere schließlich ist - Je früher, je einfacher: Meine ersten beiden Kinder habe ich als Habilitandin bekommen. Da war die Zeit zwischen Arbeit und Familie leichter aufzuteilen als nach meiner Berufung zur Professorin, als ich größere berufliche Verantwortung trug und mein drittes, viertes und fünftes Kind bekam. Während meiner Lehrtätigkeit war die Zeiteinteilung wiederum einfacher als anschließend als Generalanwältin und Mutter von sechs Kindern.

Prof. Dr. Juliane Kokott ist Generalanwältin am Gerichtshof der Europäischen Union seit 2003. Sie ist u.a. Mitglied des Executive Committee of the International Association of Constitutional Law (IACL) und der Ständigen Deputation des Deutschen Juristentages.

 

 

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